Die Sozialdemokraten gerieten in den letzten Wochen ein wenig ins Gedränge. Mißverständlichen Äußerungen Fritz Erlers zum deutsch-polnischen Grenzproblem und nicht hieb- um stichfeste Vorwürfe des Wehrexperten Karl Wienand gegen die Ausgabenpolitik des Verteidigungsministeriums boten der CDU/CSU Stoff für billige Wahlpropaganda. Die Labour-Schlappe von Leyton hob die Stimmung der Unionspartei noch mehr.

Zu guter Letzt geriet auch Kanzlerkandidat Willy Brandt ins Schußfeld, weil er als Regierender Bürgermeister von Berlin dem US-Außenminister im August ein Memorandum zur Osteuropa-Politik geschickt hatte, von dem die Bundesregierung erst jetzt aus dem SPD-Pressedienst erfuhr. Die Regierungsparteien bezichtigten ihn, durch „außenpolitische Extratouren“ der sowjetischen Drei-Staaten-Theorie Vorschub zu leisten.

Daraufhin ließ Brandt das Memorandum, das eine Art „Marshallplan“ für den Ostblock vorsieht, im Wortlaut veröffentlichen. Die SPD konnte zu ihren Gunsten vorbringen, daß die Bundesregierung sehr wohl von den Vorschlägen Brandts gewußt habe, da Botschafter Knappstein im Mai bei dem Gespräch Brandts mit Dean Rusk zugegen war. Das Bundeskabinett soll sich nun endlich äußern, was es davon hält.

Brandt hat angeregt, den Staaten Osteuropas gemeinsame technische Großprojekte vorzuschlagen (Pipelines für Öl und Gas, Stromverbundnetze, Straßen, Kanäle, neue Luftlinien), um den geteilten Kontinent allmählich wieder zusammenzufügen. Das Programm soll durch einen Kulturaustausch ergänzt werden (Film und Fernsehen, Sozialtourismus mit Selbstverwaltung, europäisches Jugendwerk). Wo immer möglich, sollen Wirtschaftsregelungen mit humanitären Regelungen einhergehen.