Wilhelm von Schramm: Aufstand der Generale. München (Kindler Taschenbücher, 44/45); 3,80 DM.

Der Aufstand vom 20. Juli war in Berlin gescheitert, kaum daß er begonnen hatte. Ganz anders in Paris. Während Graf Staufenberg im Hofe des Kriegsministeriums in der Bendlerstraße von einem Exekutionskommando erschossen wurde und Generaloberst Beck die Pistole gegen sich richtete, saßen in Paris Reichssicherheitsdienst und SS-Führer hinter Schloß und Riegel, verhaftet in kühnem Handstreich auf Befehl des Generals von Stülpnagel, der zum Kreise der Verschwörer gehörte. Der Weg zu einem Waffenstillstand hätte offengestanden, wäre es gelungen, den Oberbefehlshaber West, Generalfeldmarschall von Kluge, für den Aufstand zu gewinnen.

In seinem Buch über den Aufstandsversuch der Generale in Frankreich, 1953 zum erstenmal erschienen und nun in einer Neubearbeitung vorliegend, schildert Wilhelm von Schramm nach Dokumenten und Aussagen von Beteiligten das dramatische Geschehen dieser Julitage des Jahres 1944. Über Gelingen oder Mißlingen des Aufstandes war entschieden, als der Oberbefehlshaber der Truppe im Westen, Feldmarschall von Kluge, in einer Unterredung mit den Verschwörern seine Beteiligung ablehnte, nachdem er zuvor vom Überleben Hitlers erfahren hatte. Die Tragödie nahm ihren Lauf: Für die Verschwörer konnte es sich nur noch darum handeln, die bisher eingeleiteten Schritte zu liquidieren. Der Sicherheitsdienst und die SS-Offiziere wurden wieder freigelassen. Auf einem makabren feuchtfröhlichen „Gästeabend“ im Hotel Raphael wurde zwischen General Blumentritt und dem SS-General Oberg, der vor dem Reichssicherheitshauptamt verschleiern wollte, daß sich sein Sicherheitsdienst hatte widerstandslos festsetzen lassen, eine „Sprachregelung“ vereinbart: Die Verhaftung sei eine mit der SS-Führung vereinbarte Übung gewesen.

Diese Sprachregelung konnte jedoch nicht mehr verhindern, daß der Stein ins Rollen kam. General von Stülpnagel wurde vom Oberkommando der Wehrmacht zur Berichterstattung nach Berlin befohlen; unterwegs unternahm er einen Selbstmordversuch, der zur Erblindung führte. Eine Gestapo-Sonderkommission führte die Untersuchungen, in deren Verlauf die Kontaktmänner zum Berliner Widerstandskreis, Oberst Cäsar von Hofacker und Oberst Eberhard Finckh, verhaftet wurden. Sie und General Karl-Heinrich von Stülpnagel mußten ihre mannhafte Auflehnung gegen Hitler in Plötzensee mit dem Leben bezahlen. Es ist den zurückhaltenden Untersuchungsmethoden des SS-Generals und Obergruppenführers Oberg zu danken, daß überhaupt Mitwisser des Pariser Aufstandversuchs wie General Blumentritt und der ehemalige Kriegsverwaltungsrat Bargatzky am Leben blieben.

Generalfeldmarschall von Kluge, in dessen Hand es gelegen hätte, den Aufstand zum Erfolg zu führen, überlebte die Wirren des 20. Juli nicht. Er hatte schon früher gegen Hitler konspiriert und war sich darüber im klaren, daß der Krieg verloren und, Hitlers Kriegsführung verbrecherisch waren. Trotzdem scheint er sich an seinen Treueid gebunden gefühlt zu haben. Der mißtrauische Hitler hat es ihm nicht gedankt: Kluge wurde nach Berlin zitiert und beging unterwegs Selbstmord.

Schramm macht deutlich, daß die Pariser Verschwörer, abgesehen von dem dynamischen Cäsar von Hofacker, nicht „von dem Stoff waren, aus dem erfolgreiche Revolutionäre gemacht werden“. Hofacker hatte noch versucht, Stülpnagel dazu zu bewegen, den Aufstand auf eigene Faust weiterzutreiben; dieser lehnte jedoch ab. Echte Revolutionäre hätten auch wohl kaum den festgesetzten SS-Führern ein Rundfunkgerät gelassen, mit dem sie die Nachrichten aus Berlin und schließlich die nächtliche Hitlerrede abhören konnten. Aber auch Hofacker selbst weigerte sich, in Frankreich unterzutauchen und etwa Kontakte mit der französischen Widerstandsbewegung aufzunehmen.

Ohne Frage ist Wilhelm von Schramm ein spannendes Buch geglückt, das die beteiligten Personen treffend charakterisiert und den Ablauf der Ereignisse anschaulich schildert. Allerdings nähert er sich bisweilen dem Stil einer gewissen Art von Militärbelletristik, der in diesem Zusammenhang deplaciert wirkt: nicht jeder Leser wird es humorvoll finden, wenn der Verfasser den Schwaben Finckh statt „ist“ „ischt“ sagen läßt. In der ausgeschmückten Episode mit Oberst Finckh (Seite 53 ff.) scheinen sich Dichtung und Wahrheit zu mischen; so werden zum Beispiel innere Monologe Finckhs wiedergegeben, ohne daß klar wird, wie der Autor von ihnen Kenntnis erlangen konnte. In der Regel stützt Schramm seine in direkter Rede wiedergegebenen Dialoge auf Aussagen und Aufzeichnungen von Beteiligten. Es kommen jedoch auch freierfundene wörtliche Reden vor, die Behauptung des Verlags, „kein Dialog“ sei „nur rekonstruiert“, stimmt nicht ganz.

Schramm sieht in den Männern des Pariser Widerstandes „Vorboten einer Politik der europäischen Gemeinschaft“, deren „Visionen“ „etwa ein halbes Menschenalter später verwirklicht oder doch angebahnt werden“ sollten. Er verweist dabei auf den Rommel-Stülpnagel-Plan und auf Goerdelers Denkschrift „Das Ziel“, in der ein europäischer Wirtschaftsrat gefordert wird. Es ist dennoch fraglich, ob diese Konzeptionen des 20. Juli als unmittelbare Vorläufer des Europaprogrammes anzusehen sind, um dessen Verwirklichung wir uns heute bemühen. Bis hin zu Goerdeler lehnten die Männer des Widerstandes eine politische Ordnung nach dem Muster der westlichen liberalen Demokratien ab und strebten eine Neuordnung nach ständestaatlichen Prinzipien an; auch die Friedensschrift Ernst Jüngers, die Schramm nennt, zielt in diese Richtung. Um die Europavorstellungen des Widerstandes richtig würdigen zu können, muß man wohl zuerst untersuchen, wie sich dieses Programm zu den Plänen für die innere Ordnung des neuen Europa verhält – nur so lassen sich vorschnelle Stilisierungen vermeiden. Walter Euchner