Liebe Tochter,

Deine Mitteilung, ein junger Mann namens Jean Christoph sei für Dich in Brand geraten – ein dunkler Typ aus Haiti und obendrein noch Maler –, hat mich nicht erschreckt; noch nicht einmal, daß Du von Sympathie für ihn sprichst. Die Haitianer sind eines der unglücklichsten Völker dieser Erde. Dieser Negerstaat, der als einer der ersten äußerlich Unabhängigkeit erlangte, wird von den eigenen schwarzen Tyrannen womöglich härter kujoniert als von den französischen Kolonialherren.

Duvalier heißt sein derzeitiger Präsident, und dieser faschistische Minitaturstaat-Diktator ist mir noch unsympathischer als sein Nachbar, der bärtige Kommunist Fidel Castro. Ich weiß nicht, ob die künstlerischen Fähigkeiten der Haitianer trotz oder wegen ihrer politischen Unfähigkeiten so groß sind. Der geschichtsnotorische Mangel an politischem Talent in unserem deutschen Volke, verglichen mit unseren geistig-wissenschaftlichen Leistungen, ist wohl ein ähnliches Phänomen.

Mir ist verständlich, daß dieser junge Mann Dich sofort interessierte, ja faszinierte. Woher nun aber das Gefühl der Fremdheit stammt? Müßten wir uns nicht umgekehrt wundern, daß soviel geistiges Verständnis füreinander sofort möglich war? Denn es sind doch nun einmal Welten, die zwischen einem Kariben afrikanischer Herkunft und einer Deutschen liegen.

Was für Welten? Ach Tochter, „die Menschheit“ – das ist sicher ein wohlklingendes Programm, eine erhabene Idee, vielleicht auch nur ein großer Traum –, eine Realität ist sie nicht. Rassen und Klassen, Geschichte und Denkungsart, Sprache und Erziehung, ja Humor und Geschmack können so ungeheuer voneinander verschieden sein. Und nun zu denken, daß dieser Jean Christoph am Ende Heiratsabsichten auf Dich hätte!

Nehmen wir einmal an, daß er Dich aufrichtig liebt. Weil Du jedoch wohl Sympathie und Neugier, nicht aber wirkliche Neigung empfindest, mußt Du Deinen Verehrer doppelt enttäuschen. Gut wäre es, wenn Du „ganz persönlich“ bleiben würdest. Ich meine: Die Diskriminierung, die in jedem „Korb“ liegt, die muß ein junger Mann ertragen lernen. Wegen der Rasse und Hautfarbe von dem geliebten Wesen diskriminiert zu werden, stelle ich mir schlimm vor.

Übrigens ist Dein Abwehrgefühl dem allzu Fremden gegenüber nur natürlich. In jedem Falle sind Zutrauen, Nähe, Geborgenheit erschwert, wo immer erst eine Schwelle der Fremdheit überschritten werden muß. Schon in unserem Krähwinkel, wo ausschließlich Weiße wohnen, ist die Ehe ein kühnes Unternehmen; man sollte ihm von vornherein möglichst viele Chancen einräumen, und die Fremdheit als Folge von so verschiedenartigem Herkommen ist mit Sicherheit keine Chance, sondern ein Handicap, zusätzlich zu all den normalen Ehe-Handicaps, als da sind...