Von Hansjakob Stehle

Etwas früher als seinen geistigen Urenkeln war Karl Marx aufgegangen: Der Reichtum der kapitalistischen Gesellschaft erscheint als eine „ungeheure Warenfülle“. Diese Erkenntnis stellte Marx vor 100 Jahren an den Beginn seines Kapitals, Er nannte das Verhältnis der Menschen zu den Waren, die sie erzeugen, ,,gaukelspielerisch“ und schrieb den Waren etwas Geheimnisvolles, einen Fetischcharakter zu. An solchen marxistischen Vorstellungen gemessen scheint seit einiger Zeit im Osten der wahre „Fetischismus“ ausgebrochen zu sein.

„Jedem nach seinen Bedürfnissen – diese schöne Versprechung der Kommunisten scheitert zwar immer wieder am Unvermögen der Planwirtschaft. Doch die Zeit, da man die Menschen mit Phrasen abspeisen konnte und Terror niederhielt, ist unwiderruflich vorbei. Der Blick über die Grenzen, auch nach Westen, ist ihnen nicht mehr wie früher verwehrt. Der Glanz der „ungeheuren Warenfülle“ weckt aber Bedürfnisse und Sehnsüchte nicht mit bei den Völkern, er zwingt auch die regierenden Marxisten zum Nachdenken und zum Umdenken. Der Kapitalismus, für Ideologen noch immer ein abschreckender Popanz, ist für die Praktiker in vielem zum Vorbild geworden. Nicht zuletzt deshalb, weil sie wissen, daß alle politischen Reformen der nachstalinschen Ära brüchig bleiben, wenn sie nicht mit einer spürbaren und anhaltenden Verbesserung des Lebens einhergehen.

Der Anstoß zum wirtschaftlichen Umdenken kam vor 16 fahren von dort, wo auch die ideologische „Ketzerei“ des modernen Kommunismus geboren wurde: von Jugoslawien. Tito hatte als erster erkannt, daß der zentrale Staatsplan kein Patentrezept ist, sondern daß nur ein hohes Maß von Eigenverantwortlichkeit in den einzelnen Betrieben und in den verschiedenen Wirtschaftszweigen eine Gesundung der sozialistischen Ökonomie erhoffen läßt. Allerdings hat sich dieses Prinzip in Jugoslawien nicht ganz durchgesetzt – trotz kräftiger Kreditspritzen aus dem Westen Alle wirtschaftlichen Reformen im Ostblock aber orientieren sich auch heute an diesem jugoslawischen Vorbild: Einfach, weil es als einziges Modell mit der Kennmarke „sozialistisch“ gewisse Vorzüge des westlichen Systems einzuführen erlaubt.

Was heute im ökonomischen Gefüge der meisten osteuropäischen Länder vor sich geht, vielfältig und widerspruchsvoll, gleicht einer stillen Revolution. Und sie ist, wenigsten in der Praxis, gerade dort am weitesten gediehen, wo das innenpolitische Klima sich am wenigsten gewandelt hat: in der DDR. Ihr „neues ökonomisches System setzt sich langsam, aber sichtbar durch. Es beruht, wie Erich Apel, der Chef der Plankommission. Mitte Januar darlegte, auf der Anwendung ,,wichtiger ökonomischer Hebel wie Preis, Kosten, Gewinn. Lohn, Prämie“ – auf Selbstverständlichkeiten also, wenn man mit westlichen Maßstäben mißt. Doch mit diesen „Hebeln“ wurde die bisherige Planwirtschaft doch beträchtlich gelockert,

Wir betrachten den Plan nicht als ein starres, abgeschlossenes Dokument“, sagte Apel zum Entwurf für 1965. Die zentrale Plandiktatur wird so weit gemildert, daß nur noch allgemeine Indexzahlen den Rahmen vorschreiben. Die Industrievereinigungen planen und kalkulieren selber. Die zweite Etappe einer Preisreform für Rohstoffe, die am 1. Januar begann und im kommenden Jahr auch die Preise in der Schwer- und Leicht-Industrie erfassen soll, beseitigt künstliche Subventionen und erlaubt den Betrieben zu errechnen, was die Waren, die sie produzieren, wirklich kosten. Wichtiger noch: Seit dem J. Januar können die selbständig gewordenen 80 Industrievereinigungen der DDR nicht mehr wie bisher ihre Investitionen aus dem Staatssäckel bestreiten (ohne Rücksicht auf Rentabilität), sondern nur noch aus eigenen Umlaufmitteln und aus Banckrediten, die normal verzinst und zurückbezahlt werden müssen.

Viele wichtige Fragen jedoch, wie etwa die, ob die Marktlage, ob Angebot und Nachfrage wirklich Einfluß auf die betrieblichen Entscheidungen ausüben dürfen, sind in der DDR noch nicht zu Ende gedacht, oder sie werden von der Partei aus ideologischer Vorsicht bewußt verschleiert. Solche Furcht vor der eigenen Courage ist heute in der Tschechoslowakei schon viel weniger spürbar. Dort hatte Eugen Loebl, Altkommunist, einstiger Handelsminister und Rehabilitierter des Slansky-Prozesses, im Herbst 1963 das große ökonomische Tabu durchbrochen. Es gebe überhaupt keine spezifischen ökonomischen Gesetze des Sozialismus, schrieb er in „Kulturny Zivot“. Damals wurde Loebl noch heftig kritisiert und zwar von dem Mann, der heute der Motor dessen ist, was man in Prag offiziell die „vollkommeneren Leitungsformen“ der Wirtschaft nennt: Professor Ota Sik. Das Programm, das unter seiner Leitung nach monatelang Diskussionen entworfen wurde, verleugnet gar nicht, woher er seine Anregungen bezog: