Selten hat sich Ludwig Erhard für eine Konferenz mit einen ausländischen Staatsmann so gründlich präpariert wie für die Kamingespräche mit Charles de Gaulle im Schloß Rambouillet. Der Bundeskanzler war entschlossen, in seinem Entgegenkommen „bis in die Grenze des Möglichen“ zu gehen, um, wenn nötig, auch den letzten Groll des Generals zu besänftigen. De Gaulle gab sich in den sechs Stunden langen Gesprächen so liebenswürdig und rücksichtsvoll, daß Erhard bei seiner Rückkehr tiefe Zufriedenheit ausstrahlte. Er fand seine Erwartungen noch übertroffen. Zwei Zusagen des Generals konnte er den Kabinett, den Parteien und seinen Wählern präsentieren:

1. Frankreich will einen neuen Anlauf zur engeren politischen Zusammenarbeit der EWG-Staaten unterstützen. Für das Frühjahr ist eine Konferenz der sechs Außenminister vorgesehen. (Holland hat bereits seine Teilnahme zugesagt, jedoch für später eine Einladung auch Großbritanniens verlangt, das der General draußenhalten möchte.)

2. Wenn England und die USA bereit sind, in Moskau einen neuen Vorstoß in der Deutschlandfrage in unternehmen, wird Frankreich sich dem nicht widersetzen. (Doch hat de Gaulle seine Meinung, daß Moskau in dieser Frage weiterhin unnachgiebig sei, keineswegs aufgegeben.)

Anders als bei der NATO-Ratstagung im Dezember regten sich die französischen Staatsmänner diesmal über das deutsche Interesse an der MLF nicht sonderlich auf. Das fiel ihnen nicht schwer, da vorläufig niemand mehr begeistert für dieses Projekt eintritt. Das Bonner Echo auf das Treffen von Rambouillet war zwiespältig. Zwar waren alle Parteien froh über die Wiederannäherung zwischen den beiden Regierungen, aber die Freien Demokraten fragten sich doch, „wie es nun weitergehen solle“, und die Sozialdemokraten fanden die Zusicherungen de Gaulles „vage und unverbindlich“. Skeptisch blieb auch die Weltpresse. Die Neue Zürcher Zeitung sprach von französischen „Konzessionen in der Prozedur“, nicht in der Sache. „Information“ (Kopenhagen) meinte: „Hervorragende Kriegsherren gestatten ihren Gegnern immer einen kleinen Sieg.“ Der Mailänder „Corriere della Sera“ fragte, was die französischen Konzessionen für Erhard wert seien, und fand: „In der Praxis nichts. Sie werden die Wiedervereinigung nicht beschleunigen. Vom Wahlkampfstandpunkt sehr viel.“

Wie weit de Gaulle Bonn wirklich entgegenkommen will, wird die Welt am kommenden Donnerstag in seiner Pressekonferenz erfahren. Der Kanzler bat den Präsidenten, halb im Scherz, ihn doch nicht zu enttäuschen, da er am selben Tage seinen Geburtstag feiere. De Gaulle: „Ich will mir’s merken.“