Von Richard Schmid

Dr. jur. Richard Schmid war Präsident des Oberlandesgerichts Stuttgart

Wert und Wirkung einer Krausschen Schrifthängen nicht davon ab, ob ihr Gegenstand aktuell ist. So wie seine Satire schon damals, als sie zum erstenmal erschien, ihren Anlaß und ihr Objekt bald hinter sich ließ und ganz aus Eigenem lebte. Seine Sätze strahlten soviel Leidenschaft und Witz und eine so explosive, bis dahin unerhörte Verbindung von beidem aus, daß sie auch dort Bestand behielten, wo er sich sachlich irrte oder wo er Unrecht hatte oder tat – was auch gelegentlich vorkam. Sein Witz und seine Entrüstung entzündeten sich oft an einer Einzelheit, etwa an einer prätentiösen Dummheit, einer herkömmlichen Moralheuchelei, einer Klischeephrase.

Bei manchen seiner Kampfschriften ist aber auch der Gegenstand wichtig; er war es damals und ist es heute noch und wird es bleiben. Dazu gehört vor allem seine Polemik gegen die Strafjustiz in Sachen Sexualmoral, wobei er sich sowohl gegen die Gesetze wie gegen die Gerichte wandte. Das ist das wichtigste Thema in der wieder erschienenen Sammlung von Aufsätzen aus der Fackel –

Karl Kraus: „Die Chinesische Mauer“, 12. Band der Werke, herausgegeben von Heinrich Fischer; Verlag Albert Langen– Georg Müller, München/Wien; 304 S., 24,80 DM.

Es ist, nach dem Band „Sittlichkeit und Kriminalität“, der zweite Band jenes Teiles der gesammelten Werke, der nicht mehr wie die früheren zehn Bände beim Kösel-Verlag erscheint. Die Stücke stammen aus den Jahren 1908 bis 1910, also aus der Periode der kräftigsten und intensivsten Entfaltung.

Karl Kraus war damals im Begriff, die große Aufgabe seines Lebens zu entdecken, nämlich die Umwelt in ihrer Sprache zu erkennen und ihr den geschliffenen Spiegel seiner Sprache vorzuhalten. Damit wurde dann die Presse zum wichtigsten satirischen Gegenstand und Widerpart. Er hatte aber noch die Schwungkraft und die ethische Leidenschaft der ersten moralistischen und antikorruptionistischen Fackel-Jahre. Nun wird auch die heitere Seite seines Witzes sichtbar, wovon eine Reihe kleinerer Stücke aus diesem Band zeugen, die Karl Kraus mit Vorliebe und großem Erfolg selber vorzutragen pflegte.