Die deutschen Börsen haben die jüngste Diskonterhöhung in guter Haltung hingenommen. Sie hatten Schlimmeres, vor allem eine Erhöhung der Mindestreserven, erwartet. Deshalb die auch in den Aktienkursen zum Ausdruck kommende allgemeine Erleichterung nach der Sitzung des Zentralbankrates Auf dem Rentenmarkt blieben allerdings jegliche Anzeichen einer Stabilisierung aus. Noch hat die inzwischen eingetretene Emissionspause nicht gewirkt. Aber wie sollte sie auch? Es schwimmen erhebliche Beträge nicht placierter Anleihen im Markt herum. Sie sind selbst bei größten Konzessionen innerhalb der Bonifikationsgrenzen nicht unterzubringen. Einige sechsprozentige Länderanleihen fielen bereits auf 97 Prozent zurück. Dabei ist das Angebot aus dem Ausland an deutschen festverzinslichen Papieren noch keineswegs verebbt!

Die Banken rechnen mit einer neuen Abgabewelle, sobald das Kuponsteuergesetz vom Bundestag angenommen worden ist. Wird das dann den Anstoß zum sechseinhalbprozentigen Typ geben? In Kreisen der Emittenten werden solche Vermutungen mit Entrüstung zurückgewiesen. Die Pfandbriefinstitute haben beteuert, daß sie auch nach der Diskonterhöhung beim Sechsprozenter bleiben werden. Vielleicht werden sie aber mit dem Ausgabekurs etwas nach unten ausweichen müssen.

Die sogenannten institutionellen Anleger, in der Hauptsache die Versicherungen, haben es mit Käufen festverzinslicher Papiere keineswegs eilig. Ob sie die Emissionspause mit einem Käuferstreik beantworten werden, bleibt abzuwarten. Warten kostet am Kapitalmarkt heute kein Geld!

Offenbar auch bei den Aktien nicht, wo sich die Kurse seit Jahresbeginn nur wenig verändert haben. Dabei sind nahezu sämtliche Börsianer der Meinung, daß die deutschen Aktien "eigentlich" zu niedrig bewertet werden. Wenn der Mut fehlt, aus dieser Erkenntnis die einzig mögliche Konsequenz, nämlich den Aktienkauf, zu ziehen, dann liegt es zur Zeit an zwei Dingen. Einmal ist sicher, daß die Amerikaner sich weiterhin von deutschen Aktien lösen werden, denn die US-Fonds, in denen europäische Aktien enthalten sind, schrumpfen ständig, und zum anderen glaubt man für das Frühjahr weitere Bundesbankrestriktionen erwarten zu müssen. Ein restriktiver Notenbankkurs und eine durchgreifende Erholung auf dem Aktienmarkt schließen sich gegenseitig aus, selbst wenn die Abschlüsse, die von den Gesellschaften für 1964 vorgelegt werden, viel Glanz verbreiten sollten.

Von einer generellen Anlagemüdigkeit kann jedoch keine Rede sein. Das zeigt sich immer wieder bei Kapitalerhöhungen. Der größte Teil der Aktionäre pflegt die ihm angebotenen jungen Aktien auch dann zu übernehmen, wenn hohe Ausgabekurse gefordert werden. Das beste Beispiel hierfür ist Bayer. Obwohl zu befürchten ist, daß noch Bayer-Bezugsrechte aus dem Ausland hereinkommen, lag die Bezugsrechtnotiz bisher stets in unmittelbarer Nähe der rechnerischen Parität. Die Mehrzahl der privaten Bayer-Aktionäre hat sich beim Spitzenausgleich zum Zukauf entschlossen, ein Beweis dafür, daß die Ankündigung von Bayer, Zusatzaktien im Verhältnis 2:1 verteilen zu wollen, in Anlegerkreisen gut "angekommen" ist.

Die Kurse der sogenannten Erdgaswerte erwiesen sich in den letzten Tagen als weiter rückläufig. Äußerer Anlaß war der Abbruch der Bohrung von "Mr. Louie" in der Nordsee, der den Erdgasoptimisten einen harten Stoß versetzte. Den Aussagen der Experten, wonach nur jede siebente Bohrung fündig zu werden pflegt, werden jetzt jedenfalls mehr Glauben geschenkt. Von der Schwäche der Erdgaspapiere blieben auch die Aktien der Gelsenkirchener Bergwerks-AG nicht verschont, obwohl die Börse zu wissen glaubt, daß sich dieses Unternehmen – im Gegensatz zu der Deutschen Erdöl AG – nicht zu einer Dividendenkürzung entschließen wird. Aber so ganz sicher ist man eben noch nicht...

Viel Diskussionsstoff boten die Aktien der Friedrich Schwab & Co. KG, die im Frühjahr in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien umgewandelt werden soll. Obwohl es die Aktien heute noch nicht gibt (denn die Aktiengesellschaft wird ja erst gegründet werden), boten ausländische Banken diese Papiere bereits dem deutschen Publikum an. Und zwar zu Netto-Kursen, die zwischen 252 und 258 Prozent lagen. Ein großes amerikanisches Bankhaus, das seinerzeit auch mit dem Vertrieb der Neckermann- und Hussel-Aktien befaßt war, hat einen Teil der Schwab-Aktien übernommen und versucht jetzt, diese Papiere – auch in der Bundesrepublik – unterzubringen. Die großen deutschen Banken haben sich offiziell oder inoffiziell von solchen Placierungsmethoden distanziert. Nach den mit Neckermann- und Hussel-Aktien gemachten schlechten Erfahrungen ist ihnen das auch nicht zu verdenken. Um so gespannter darf man sein, wie sich der Kurs der künftigen Schwab-Aktien entwickeln wird und wann sie an den deutschen Börsen erstmals notiert werden.

Kurt Wendt