H. W., Wesselburen

Mit beträchtlicher Starrköpfigkeit wird die Fehde um den Heimatschriftsteller und nationalsozialistischen Literaturhistoriker Adolf Bartels weitergeführt. Auf beiden Seiten stehen Dithmarscher. Und das bietet die Gewähr dafür, daß der Streit nach Dithmarscher Art auch bis zum letzten ausgetragen wird.

Begonnen hatte die Fehde, als der Wesselburener Pastor Johannes Wendt von der Kanzel herab die Schuld Adolf Bartels als literarischer Wegberater der Judenverfolgung anprangerte. Damals verließen einige empörte Bartels-Anhänger den Gottesdienst und gingen grollend nach Hause.

Der Pastor ließ sich durch die unfreundliche Reaktion seiner Mitbürger nicht beirren. Als kürzlich ein Fernsehteam nach Wesselburen kam, um für die Sendereihe „Panorama“ an Ort und Stelle Aufnahmen über den Streit um Adolf Bartels zu machen, verschaffte der Pastor dem Kameramann Zutritt zur Städtischen Bücherei, die damals geschlossen war. Die Aufnahmen, die der Kameramann dort von Bartels-Schriften machte, wurden in der Sendung ausgewertet. Wesselburens Bürgermeister war empört. Er warf dem Pastor Hausfriedensbruch vor und stellte bei der Flensburger Staatsanwaltschaft Strafantrag gegen Pastor Wendt. In Flensburg war man von dem Strafantrag freilich wenig angetan. Nach eingehender Beratung wurde der Bürgermeister auf den Weg der Privatklage verwiesen. Ein öffentliches Interesse für eine Strafverfolgung liege nicht vor.

Das war 18. Januar! Einen Tag später äußerte sich der Süderdithmarscher Propst Pareigis vor der Propsteisynode in Meldorf zum neu ausgebrochenen Streit um Adolf Bartels. Man solle die Geschichte nicht hochspielen, meinte er. Sicherlich gebe es Unbelehrbare in Dithmarschen, die immer noch den Thesen Adolf Bartels anhingen. „Wir halten diese Gedanken für falsch.“

Mit welcher Zähigkeit der Streit um Bartels geführt wird, zeigt auch folgende Begebenheit. Die Mittelschule in Wesselburen hieß bis Ende 1958 Adolf-Bartels-Schule. Dann verbot der damalige Kultusminister Osterloh der Schule, diesen Namen weiterzuführen. Als Osterloh gestorben war, versuchten Wesselburens Bürgervorsteher Janz und Wesselburens Bürgermeister Wernecke eine Aufhebung dieses Verbots zu erreichen. Kultusminister von Heydebreck, Osterlohs Nachfolger, erklärte jedoch, er denke nicht daran. Das Verbot blieb bestehen. Seitdem spricht man in Wesselburen von der Schule an der „Adolf-Bartels-Schule“, denn der Name der Straße blieb.

Ein Sprecher des schleswig-holsteinischen Innenministeriums erklärte, das Innenministerium habe leider nicht die Möglichkeit, die Gemeinde zu einer Umbenennung zu zwingen. Es gebe zwar ein Gesetz, das verbiete, die Namen prominenter Nationalsozialisten herauszustellen. Ob aber Adolf Bartels zu ihnen gehöre, sei fraglich. Jetzt haben die sechs Philologen in einem Telegramm Innenminister Dr. Schlegelberger aufgefordert, diesen Fall zu überprüfen.

Allerdings ist kaum zu erwarten, daß die Bartels-Anhänger einen Fußbreit Boden freiwillig räumen. Schließlich hatte Bürgermeister Wernecke bei einer Kranzniederlegung am Grabe von Bartels erklärt: „Wir werden ihm die Treue halten. Das sollte uns eine Verpflichtung sein, die wir auch einhalten werden!“