Diekleine Bucht, auf die ich sehe, ist wie geschaffen für ein Ferienparadies. Die Wellen des Atlantik werfen ihre Gischtkronen am am Strand ab und lassen weiße Spitzengewebe auf dem Sand zurück. Ein strahlend blauer Himmel liegt über der Szene. Ja, es könnte lustig sein, hier an der englischen Westküste. Aber die Bucht liegt einsam; nur ein alter Kutter tuckert gemächlich an der Bucht vorbei in den winzigen Fischerhafen. Obwohl ich den Männern auf dem Boot etwas zurufe, würdigen sie mich keines Blickes.

Unrein, ja, ich bin für sie unrein. So etwa könnte ein kitschiger Kolportageroman anfangen. Aber es ist der Beginn eines Tatsachenberichts über die Sekte der „Exclusive Brethren“.

Eine Bruderschaft, die so exklusiv ist, daß sie sich möglichst vor der Umwelt verschließt und sich in abgekapselten Gemeinden zusammenfindet. So wie hier die Fischer von Aston, einem kleinen Ort an der See, den ich nur auf einer Generalstabskarte finden konnte. Die Exclusive Brethren, die sich in den letzten Jahren ausbreitete, hat mehrere Stützpunkte entlang der Westküste, bis hoch hinauf in den Norden Schottlands.

Nun haben Engländer eine angenehme Eigenschaft: Sie sind unglaublich tolerant gegenüber Andersgläubigen. Selbst die anglikanische Staatskirche gesteht jedem zu, nach seiner eigenen Fasson selig zu werden. Abgesehen von den großen, für die Gesellschaft wichtigen Religionsgemeinschaften, den Methodisten, Baptisten und den besonders humanitären Quäkern, gibt es ungezählte Sekten, die die Bibel auf ihre Weise interpretieren. Mitunter auch auf kuriose Art, wie die Shakers und Mummers. Keinem Engländer würde es im Traum einfallen, hieran Kritik zu üben, oder eine dieser Gruppen in ihrer Religionsausübung zu behindern.

Seit zwei Jahren jedoch fühlt sich die Öffentlichkeit durch die „Exclusive Brethren“ in Unruhe versetzt. Nicht etwa, weil diese Sekte eine eiserne Disziplin von ihren Anhängern verlangt, sondern weil sie die soziale Struktur ihrer Mitbürger bedroht. In Gegenden, in denen sich diese Bruderschaften etabliert haben, werden sämtliche Bande zu Andersdenkenden zerrissen. Die „exklusiven Brüder“ igeln sich ein. Der schlimmste Aspekt ist jedoch ihr grausamer Eingriff in das Familienleben. Langjährige, ehedem glückliche Ehen werden zerstört und Kinder ausgestoßen.

Selbst die Regierung fühlt sich beunruhigt; sie hat ein Komitee eingesetzt, das die Eingriffe der „Exclusive Brethren“ untersuchen soll. Wenn es nötig ist, wird dem Parlament dann ein Gesetz vorgelegt werden, das jede diktatorische Einmischung in das Privatleben aus religiösen Gründen verhindern soll.

Neben mir steht die achtzehnjährige Elspeth Shaw, die sich nicht den Gesetzen der Sekte unterwerfen wollte. Ihre strenggläubigen Eltern wiesen ihr die Tür. Elspeth hatte Glück und wurde von Verwandten in Manchester, die nicht der Bruderschaft angehören, aufgenommen. Was aber wird aus Teenagern, die von der Sekte ausgestoßen werden und auf sich allein angewiesen sind?