Als ein „mittleres Unternehmen des Maschinenbaus“ bezeichnet Vorstandsmitglied Dr. Dietrich Wilhelm von Menges den Gutehoffnungshütte Aktienverein, Oberhausen. Immerhin zählt er zu den umsatzstärksten Gesellschaften der Bundesrepublik. Aber der künftige Chef des GHH-Konzerns orientiert sich an Weltmaßstäben. Dietrich-Wilhelm von Menges, der Mitte nächsten Jahres die Nachfolge von Hermann Reusch antreten wird, gilt seit Jahren als einer der befugten Sprecher der deutschen Exportwirtschaft. Als Leiter der GHH-Tochter Ferrostaal, der Handelsgesellschaft des Konzerns, ist er mit dem Auslandsgeschäft der deutschen Schwerindustrie vertraut geworden. Man könnte es fast schon als sein Hobby bezeichnen, seine warnende Stimme zu erheben, um zu verhindern, daß der Export, vor allem mit „dritten“ Ländern und darunter auch mit Ostblockstaaten, zu kurz kommt. Die „europalastige“ Außenhandelsbilanz ist oft genug von dem designierten Konzernchef der GHH attackiert worden. Eine möglicherweise noch gezieltere Ausrichtung auf das Auslandsgeschäft wird den Kurs des traditionsreichen Unternehmens unter seiner Führung bestimmen. Die Weichen für den Wachwechsel in Oberhausen werden bereits gestellt, und es ist für die Unternehmensgruppe Gutehoffnungshütte eine glückliche Entwicklung, daß daran beide Konzernchefs, der alte und der neue, gemeinsam arbeiten.

Die 60jährige Ära der Familie Reusch – Vater Paul und Sohn Hermann – neigt sich ihrem Ende zu, wenn Hermann Reusch als einer der profiliertesten Wirtschaftsführer der deutschen Gegenwart im August nächsten Jahres das 70. Lebensjahr vollendet und aus dem aktiven Management ausscheidet. Hermann Reusch mußte seinerzeit mit einem von Entflechtung und Demontage arg ramponierten Unternehmensgebilde nach dem Zweiten Weltkrieg neu anfangen. Ihrer traditionellen Montangrundlage beraubt, machte die GHH unter seiner Führung die ersten, immer erfolgreicheren Gehversuche als ausschließlich in der Weiterverarbeitung angesiedelter Konzern. Die Umorientierung der alten Gutehoffnungshütte begann im letzten Jahrzehnt. Diesen Weg wird das Unternehmen konsequent weitergehen, wenn der 55jährige Dietrich-Wilhelm von Menges an seine Spitze getreten ist. Eine Rückverflechtung mit den Montangesellschaften der früheren GHH – von der böse Zungen im Revier behaupten, sie sei bisher vor allem deshalb nicht angestrebt worden, weil Hermann Reusch sich nicht freiwillig die Mitbestimmung ins Haus holen wollte – steht nicht auf dem Programm des künftigen Chefs, der sogar recht zufrieden ist mit der seinerzeit von den Alliierten verfügten Trennung von Zeche und Hütte. Eine weitreichende Zusammenarbeit mit dem Hüttenwerk Oberhausen, das ebenso wie die GHH mehrheitlich von der Familie Haniel kontrolliert wird, aber keine gesellschaftsrechtlichen Bindungen, ist die Devise.

Wenig konservativ klingt es auch, wenn an der Spitze dieser besonders traditionsbewußten Gesellschaft von einer Programmbereinigung die Rede ist. Die GHH-Töchter werden sich vermutlich eine etwas spürbarere Konzernpolitik gefallen lassen müssen, als sie es bisher gewohnt waren, obwohl auch der Chef in spé etwaige Zentralisierungstendenzen im Konzern ausdrücklich ablehnt. Aber Abstimmung und gegebenenfalls Umstrukturierung auf Konzernebene werden als sinnvoll und unerläßlich angesehen. Was darunter zu verstehen ist, zeigen die ersten Beispiele.

Die Maschinenfabrik Esslingen, an der die GHH bisher mit gut 57 Prozent beteiligt war, hat einen neuen Partner bekommen. Daimler-Benz – ständig an vorhandenen Produktionskapazitäten interessiert – ist mit eingestiegen. Jeder der Partner verfüge jetzt über eine Schachtel, heißt es in Oberhausen. Daraus läßt sich schließen, daß diese Transaktion, für die Daimler einen Übernahmekurs von 210 Prozent bezahlt hat, weitgehend zu Lasten der bisherigen GHH-Beteiligung gegangen ist. Die Einzelheiten der neuen Partnerschaft sind erst im Februar Gegenstand von Verhandlungen. In Oberhausen hofft man, daß mit diesem Schritt, welcher der Konzernleitung offenbar nicht leicht gefallen ist, eine bessere Zukunft für die in die roten Zahlen gekommene Tochter – Esslingen mußte 1963 einen Verlust von 6,9 Millionen Mark hinnehmen – anbrechen kann.

Ob dieses Beispiel ein Modellfall für die künftige Konzernpolitik sein wird, bleibt abzuwarten; jedenfalls aber ist damit angedeutet, daß der bestehende Konzernverband keine unantastbare Konstruktion ist...

Ein anderes Beispiel für die Neuordnung im Konzern ist die organisatorische Zusammenfassung im Bereich der NE-Metallindustrie. Hackethal Draht- und Kabelwerke AG, Hannover, und Osnabrücker Kupfer- und Drahtwerke, Osnabrück, haben einen gemeinsamen Vorstand erhalten, um die Koordinierung von Produktion und Absatz wirksamer zu gestalten. Weitere Maßnahmen dieser Art sind im GHH-Bereich durchaus denkbar.

Für die nächsten Jahre wird ein beträchtlicher Anstieg der Investitionen im GHH-Konzern angekündigt. Die Verwaltung denkt an ein Schwerpunktprogramm; dabei wird betont, daß sich in der Kabelfertigung und im Apparate- und Behälterbau in Verbindung mit der elektrotechnischen und chemischen Industrie neue Entwicklungen schon abzeichnen. Die jährlichen Investitionen sollen im Konzern etwa – so betonte von Menges – das Eineinhalbfache der ebenfalls steigenden Abschreibungen erreichen. Sollten die Aktionäre daraus jedoch Hoffnungen auf eine etwaige Kapitalerhöhung bei der GHH ableiten, so werden sie sicherlich enttäuscht werden. An eine Aufstockung des Gesellschaftskapitals von 125 Millionen Mark denkt die Oberhausener Verwaltung nicht. Eine finanzielle Notwendigkeit dazu bestehe nicht. Nach von Menges’ Meinung wäre es ohnehin ratsam, die Aktienrechtsreform abzuwarten, um klarzusehen, welche Anforderungen daraus aus dem Konzernbereich auf die Muttergesellschaft zukommen.