Der deutschen Kritik liebstes Sorgenkind, ihr schwierigster, vielleicht aber auch hoffnungsvollster Schützling, jener Autor, dessen schriftstellerische Niederlagen niemals der Aufmerksamkeit der literarischen Öffentlichkeit entgehen und dessen imponierend beharrlicher Kampf um das Drama zumindest aufrichtigen Respekt abnötigt, er, der fortwährend im honorigen Verdacht steht, weit mehr als bisher leisten zu können und der sich jedenfalls in seinen von milder Melancholie und verständlicher Bitterkeit nicht freien Aufsätzen und Vorträgen immer wieder als einer der geistreichsten Vertreter seiner Generation erweist, Martin Walser also, hat sich neuerdings – in der Süddeutschen Zeitung – über die Kritik Gedanken gemacht, die mir ebenso beachtlich wie höchst bedenklich zu sein scheinen.

Häufig lese er – bekennt Walser –, was Kritiker schreiben „als Bulletins, in Fachausdrücken von Krankheiten handelnd, die sie mir aufreden wollen; das ist aber eine Sprache, in der ich mir Krankheiten nicht gern aufreden lasse“.

Ich meine hingegen – um bei diesem Vergleich zu bleiben –, daß es für das Wohl des Patienten entscheidend ist, ob die Diagnose zutrifft, und letztlich doch weniger wichtig, wie sie formuliert wurde. Indes klammert Walser eben die Möglichkeit aus, er könnte an jenen Krankheiten, die die Kritik zu diagnostizieren glaubt, tatsächlich leiden: Sie werden ihm, sagt er, nur aufgeredet.

„Schließlich möchte man“, fährt Walser fort, „in der Beschreibung der eigenen Mängel wenigstens das Niveau gewahrt sehen, auf dem man diese Mängel selber zur Schau stellte.“ Damit meint er „eine Intimität der Sprache zur Erfahrung dessen, der da schreibt, als Kritiker, als Romanschreiber usw. Also eine Intimität zu sich selber“.

Walser scheint zu übersehen, daß der Romancier und der Kritiker auf verschiedenen Ebenen und mit verschiedenen-Mitteln arbeiten und auch nicht unbedingt dieselben Ziele vor Augen haben. Zwecklos und zugleich unmöglich ist es daher, das zum Vergleich heranzuziehen, was Walser nicht sehr glücklich die „Intimität der Sprache zur Erfahrung“ des Schreibers nennt. So wäre es unsinnig, wollte man fragen, ob, beispielsweise, der Kritiker Joachim Kaiser in der Besprechung eines Stückes von Martin Walser jene sprachliche „Intimität“ erreicht hat, die man vielleicht diesem Stück nachsagen kann. Darauf kommt es nicht an.

Höchstens ließe sich, wenn man es schon auf solche Vergleiche abgesehen hat, die Frage stellen, wessen Sprache, die des Kritikers oder die des Dramatikers, dem jeweiligen Gegenstand eher gerecht wird. Da aber, glaube ich, müßte man doch zu dem Ergebnis kommen, daß zwar Kaisers Sprache genügt, um sich mit der Walserschen Dramatik auseinanderzusetzen, während die Sprache des Dramatikers Walser der – deutschen Gegenwart vorerst noch nicht ganz gewachsen ist.

Die Kritik wüßte nicht das Niveau zu wahren, auf dem die Werke stehen, mit denen sie sich befaßt? Darauf wäre zu erwidern, daß wir in den letzten Jahren mitunter Gelegenheit hatten, Zeugen eines höchst seltsamen, nahezu perversen Schauspiels zu sein: Bei manchen scharfsinnigen Analysen nichtiger Bücher ließ sich der Verdacht nicht ganz von der Hand weisen, einige deutsche Kritiker seien entschlossen und imstande, sich die Gegenstände ihrer Betrachtung selber zu schaffen.