Von Marion Gräfin Dönhoff

In wenigen Tagen verläßt ein Botschafter Bonn, der unser Volk, seine Literatur und seine Geschichte kennt wie kaum ein fremder Diplomat vor ihm (mit Ausnahme vielleicht seines Landsmannes François-Poncet). Fast fünfzehn Jahre war Roland de Margerie, wenn man jene elf Jahre hinzurechnet, die er als junger Mann von 1922 bis 1933 auf Posten in Berlin war, als Diplomat in Deutschland. Er selbst hat von dieser frühen Zeit einmal ein einprägsames Bild entworfen, als er vor zwei Jahren die französische Woche in Berlin eröffnete.

Im Hof des Charlottenburger Schlosses, vor dem Reiterstandbild des Großen Kurfürsten, sagte Botschafter de Margerie damals: „Jene elf Jahre sind mit den schönsten Erinnerungen meiner Jugend verbunden. Das Berlin jener Zeit kann keiner von denen, die es kannten, jemals vergessen: eine europäische Kapitale der Musik und der schönen Künste, des Theaters und der Schriftstellerei, deren Glanz heute noch in meinem Gedächtnis weiterwirkt. Ich habe damals Einstein und Harnack gekannt, Hofmannsthal und Max Liebermann, Graf Kessler und Tilla Durieux, René Sintenis und Ernst Robert Curtius, Helene von Nostitz und Max Reinhardt und viele, viele andere.“

Roland de Margerie ist in der großen Tradition der französischen Diplomatie aufgewachsen, die politisches Denken, profunde Geschichtskenntnis, musische Bildung, Brillanz des Formulierens und Leichtigkeit im Umgang mit Menschen und Dingen zu so souveräner Einheit verbunden hat, wie keine andere Nation dies je erreichen wird. Sein Vater trug gleich ihm den Titel „Botschafter Frankreichs“, der nur zwölfmal in der Geschichte der französischen Diplomatie verliehen worden ist. Seine Mutter war eine Schwester des berühmten Dramatikers und Schriftstellers Edmond Rostand. Jenes Rostand, in dessen satirisch-symbolischen Tierdrama „Chantecler“ der Hahn glaubt, die Sonne gehe nur deswegen auf, weil er kräht. Margeries Frau, Jenny Fabre-Luce, die gleich ihrem Manne in der deutschen Dichtung zu Hause ist, stammt aus dem reichen Hause jener Familie, die die Bank Crédit Lyonnais repräsentierte.

Als Roland, der kurz vor der Jahrhundertwende geboren wurde, zwölf Jahre alt war, war sein Vater auf Posten in Madrid. Zu jener Zeit war eines Tages Jules Cambon, der große Stern am Himmel der französischen Diplomatie und Staatskunst, bei Margeries zu Gast. Vater Margerie und Botschafter Cambon gingen ins Kinderzimmer und fanden dort den kleinen Roland, der mit Bleisoldaten spielte: ein Teil in französischen Uniformen, der andere Teil in deutschen. „Wer gewinnt denn?“ fragte der große Cambon den kleinen Margerie. „Ich mache keinen Krieg“, antwortete dieser, „ich mache die Allianz.“ Diese Geschichte erzählt die damalige deutsche Erzieherin Roland Margeries, die heute als alte Dame in Bielefeld lebt.

Im Jahr 1962 war es dann wirklich Roland de Margerie, der die Verhandlungen für die deutsch-französische Allianz – den Elysée-Vertrag – in Bonn führte. Für ihn waren diese letzten zweieinhalb Jahre, die er als Vertreter Frankreichs in Bonn amtierte, die Krönung seines diplomatischen Lebens. Die Krönung eines langen, fast ein halbes Jahrhundert währenden Diplomatenlebens, in dem Deutschland eine so entscheidende Rolle gespielt hat – dieses Land, für das Margerie immer wieder die Weichen stellen half.

Er war schon an der Ausarbeitung der NATO-Politik beteiligt gewesen, hatte sich der Europa-Politik mit Elan und Passion gewidmet. Sein Ziel: die Chance zu nutzen, die Deutschen in den Westen einzugliedern. Als die EVG – die Europa-Armee – scheiterte, half: er bei den Verhandlungen mit, die zur Gründung der Westeuropäischen Union undzu den Deutschlandverträgen führten. Er gilt am Quai d’Orsay als der Mann, der bei den Viermächtekonferenzen im Palais Rose, dann in Berlin und schließlich in Genf die französische Außenpolitik der wechselnden Kabinette der Vierten Republik auf beständigen Kurs hielt.