Wohl kaum ein Fußballspieler wurde in der Welt je so bewundert wie der englische Stürmer Stanley Matthews, der am 1. Februar 1965 seinen 50. Geburtstag feiert. Was dieser „Hexenmeister“, „Tausendsassa“, „Zauberdribbler“, „Mister Magic“ und wie seine schmückenden Beinamen alle heißen, jahrzehntelang an Fußballkunst vorführte, war wohl einmalig.

Stanley Matthews, der alle Kniffe und Tricks kennt und noch ein Dutzend dazu, wurde in Hanley, einer der sechs Städte, die die Stadt Stoke-on-Trent bilden, geboren. Der Vater Jack Matthews war Friseur und ein tüchtiger Boxer im Federgewicht. Sicher hat sein Sohn von ihm die körperliche Konstitution mit in die Wiege bekommen. Schon als kleiner Junge machte sich Stanley mit den Tücken des Fußballs vertraut, er stellte zwei Küchenstühle in den Garten und umspielte sie als vermeintliche Gegner. Er bewies bald seine überragende Begabung für das Fußballspiel, und es war kein Wunder, daß er in die englische Schülermannschaft einzog und schon mit 16 Jahren den Dreß der Reserve-Elf von Stoke City überstreifte. Bald wurde man auf den wieselflinken Ballkünstler aufmerksam, und es dauerte nicht lange, da war er bei Stoke City der jüngste Profispieler Englands, der 1933 mit seiner Mannschaft den Aufstieg in die 1. Division erreichte. Bei seinem Heimverein wurde er als Botenjunge angestellt, sein „fürstliches“ Gehalt betrug ein ganzes Pfund (12 Mark) pro Woche und seine Hauptbeschäftigung bestand in Briefmarkenkleben, Tribünenkehren und Erledigung von Botengängen. Als er mit 19 Jahren erstmals in die England-Elf gegen Wales berufen wurde, war er schon ein perfekter Ballartist, ein Profi mit 100 Mark Wochengage, der das Publikum mit seinen Solovorstellungen entzückte. Nebenbei spielte Matthews auch noch etwas Golf, und bei diesem Ausgleichssport lernte er auf dem Terrain des Bonnyton Golf-Clubs bei Glasgow seine Frau Betty kennen, die Tochter seines ersten Stoke-Trainers Vallence, die er 1936 heiratete und die 1939 einer Tochter Jean und im späten Herbst 1945 einem Jungen Stanley junior das Leben schenkte.

Im Mai 1947 verkaufte der englische Ligaklub Stoke City seinen 32jährigen Fußballstar Stan Matthews, den sie bereits abgeschrieben hatten, an den FC Blackpool, der dafür 11 500 Pfund Sterling (rund 130 000 Mark) auf den Tisch legen mußte. Stoke bereute diesen „Verkauf“ später sehr, denn nun begann Stan Matthews’ „zweiter Frühling“. Er wurde immer wieder in die englische Nationalelf berufen, 1953 konnte er sogar mit seiner Mannschaft den höchsten englischen Fußballtriumph, den Pokalsieg, gegen die Bolton Wanderers erringen. Stan Matthews selbst schoß dabei kein Tor, aber er leitete sämtliche Torerfolge seines Teams ein und wurde als Held des Tages im Jubelzug vom Platz getragen. „Das war die Sternstunde,meiner Laufbahn“, erklärte damals der ewig junge „old boy“, der nahezu 2000 Fußballspiele absolviert hat.

Als er im Herbst 1955 nicht mehr in die englische Nationalmannschaft aufgenommen wurde, brach ein Proteststurm aus, und fast hätte es in England wegen des damals 40jährigen „Mister Magic“ eine „Fußballrevolution“ gegeben. Ein Jahr später sah man ihn erneut in der England-Elf gegen die Ballzauberer aus Brasilien. Auch in diesem Spiel schoß er zwar kein Tor, dafür war er aber der große „Einfädler“, denn er paßte den Ball viermal so geschickt durch die brasilianische Abwehr, daß nur noch ein „vollstreckender“ Torschuß einer seiner Mitspieler notwendig war. Nach diesem Sieg schrieben die großen Londoner Zeitungen in Riesenlettern: „Zauberer Matthews zerschmetterte die Brasilianer!“ Aber nicht nur das, die Spieler aus dem Kaffeeland überreichten dem „Dribbel-Wunder von Stoke City“ für die Verdienste um den Fußballsport der Welt einen kostbaren Pokal.

Was es heißt gegen diesen „Hexenmeister“ Stan Matthews zu bestehen, davon können nicht nur die ehemaligen deutschen Nationalspieler Reinhold Münzenberg, Ludwig Coldbrunner, Ernst Lehner und Fritz Szepan, die im Dezember 1935 in London und drei Jahre später (14. Mai 1938) in Berlin gegen England spielten, ein Lied singen, sondern auch die Werner Liebrich (damals 27 Jahre), Uwe Seeler (18), Josef Posipal (27), Werner Kohlmeyer (30), die am 1. Dezember 1954 eine 3 : 1-Niederlage in London, als England immer noch den damals 39jährigen Stan Matthews in seinen Reihen hatte, hinnehmen mußten. In all diesen Begegnungen war Matthews für den Ausgang des Spiels bestimmend, und das erstaunlichste war, daß Matthews ebenso zauberhaft spielte wie 20 Jahre zuvor. Den „Lauterer“ Kohlmeyer, einen Weltklassespieler, degradierte er damals zum Anfänger,

Dieser berühmte Rechtsaußen des britischen Fußballsports, der schon mehrmals zum „Sportler des Jahres“ gewählt wurde, ist einer der ältesten Ligaspieler, den England je besaß. Die Engländer wollten, daß ihr Fußballidol geadelt wird, und sie waren sehr enttäuscht, daß die Königin es am 16. März 1957 bei der Verleihung des Ordens „Commander des Ordens vom Britischen Empire“ (CBE) beließ. Danach haben die Stadtväter von London beschlossen, eine der Straßen, die zum Wembley-Stadion führt, „Stanley-Matthews Street“ zu benennen. Diese Ehrung hat vielleicht mehr Wert als alle Orden und Titel, denn man darf annehmen, daß sie für lange Jahre bestehen bleibt. Vor kurzem erhielt Matthews aber doch den Adelstitel auf Lebenszeit und darf sich „Sir“ nennen. Natürlich fehlt Stanley Matthews auch nicht als Wachsfigur in dem berühmten Panoptikum der Madame Tussaud in London.

Im Oktober 1961 kehrte der damals 46jährige in seinen ersten Profiklub nach Stoke City, dem er 15 Jahre angehört hatte, zurück. Blackpool gab ihn für 20 000 Mark frei, eine für englische Verhältnisse lächerliche Summe. In Englands zwölftgrößter Stadt Stoke-on-Trent, dem Sitz der britischen Porzellan- und Steinguterzeugung, umgeben von den Kohlengruben der Grafschaft Staffordshire, wo auf je 50 Einwohner ein qualmender Schornstein kommt und wo die Hausfrauen bunte Tisch- und Bettwäsche und bunte Vorhänge bevorzugen, um nicht mindestens dreimal wöchentlich große Wäsche zu haben, weht seit dem 28. Oktober 1961 plötzlich ein frischer Wind, denn an jenem Tag spielte Großbritanniens bekanntester, beliebtester und auch ältester professionaler Fußballer Stan Matthews zum erstenmal wieder in Stoke City. Dieser Verein, verschuldet bis über die Dächer seiner Dreidecker-Tribünen und in bösen Abstiegsnöten, erhoffte sich durch Stanley Matthews ein paar Zuschauer mehr, weiter nichts. Aber es wurde ein Sturm auf die Kassen-Drehkreuze: 20 000, 30 000, 40 000 Zuschauer... Die Schulden waren bald getilgt, bessere Spieler konnten herangeholt werden. Es ging bald bergauf, aber die „Seele“ all dessen war Stan Matthews! Und die staunende Insel erlebte, wie jenes Stoke City im Jahre seines 100jährigen Jubiläums wieder in die erste Liga zurückkehrte. Matthews riß in seinem Verein die Zuschauer durch seine einmalige Fußballkunst zu Jubelausbrüchen hin. So war und so ist es noch lange danach geblieben.