Gert P. Spindler: Neue Antworten im sozialen Raum, Leitbilder für Unternehmer; Econ-Verlag, Düsseldorf/Wien; 412 S., 24,80 DM.

Die Unternehmer in der Bundesrepublik, obwohl stark beansprucht durch ihre Geschäfte, sind mit einem neuen Buch konfrontiert, mit dem sie sich werden auseinandersetzen müssen. Es ist nicht von einem ihnen übelwollenden Politiker geschrieben, auch nicht von einem wirtschaftsfremden Intellektuellen, sondern von einem der ihren; und es enthält Thesen und Gedankengänge, die, ausgesprochen von einem Unternehmer und gemessen an dem Selbstverständnis des weit überwiegenden Teils seiner Standesgenossen, schlicht revolutionär genannt werden können.

Gert P. Spindler, der Verfasser der „Neuen Antworten im sozialen Raum“, ist der sozialpolitisch interessierten Öffentlichkeit seit langem kein Unbekannter mehr. Er ist das Enfant terrible der Unternehmer und gilt unter ihnen denn auch als krasser Außenseiter. Gleichwohl wird es immer schwerer für sie, an ihm vorbeizugehen; denn was vor vierzehn Jahren, als Spindler in den von ihm geleiteten Paul Spindler Werken in Hilden (Rheinland) das von ihm so benannte „Mitunternehmertum“ einführte, noch wie ein privates Abenteuer eines von seinen Ideen besessenen Einzelgängers aussah, hat sich mittlerweile als durchaus gangbarer Weg in gesellschaftspolitisches Neuland erwiesen.

Nicht alle hohen Erwartungen, die Spindler selbst und die zu „Mitunternehmern“ avancierten Arbeiter und Angestellten seines Betriebes an diese neue Art betrieblicher Zusammenarbeit knüpften, sind in Erfüllung gegangen. Aber soviel hat dieses Experiment doch gezeigt, daß die Einräumung sehr weitgehender Mitbestimmungsrechte und die Beteiligung der Arbeitnehmer am Vermögenszuwachs eines Betriebes (Miteigentum) – die beiden Säulen des von Spindler kreierten Mitunternehmertums – der erfolgreichen Führung eines Unternehmens weder hinderlich im Wege stehen, noch den Unternehmer selbst zu einem armen und vermögenslosen Mann machen.

Mit dieser mehr praktischen Seite dieses Experiments hat sich Spindler in mehreren früheren Veröffentlichungen beschäftigt. In seinem neuen Buch liefert er nun – als Extrakt seiner Erfahrungen und Ideen – die gesellschaftspolitische Begründung nach, und sie birgt, nach den verschiedensten Richtungen, Dynamit in sich. Er selbst im Vorwort seines Buches: „Sie wird manche meiner Berufskollegen vielleicht befremden, ja schockieren.“

Befremdend und schockierend werden für die Unternehmer (sofern sie dieses Buch überhaupt zur Hand nehmen; aber das sei ihnen dringend empfohlen) wahrscheinlich nicht die allgemeinen Ausführungen über die gesellschaftspolitischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West sein, in die Spindler seine speziellen Überlegungen über das „Spannungsfeld Betrieb“ einbaut. Für ihn gilt es als sicher, daß keine der heute angebotenen Alternativen, weder der Kollektivismus des Ostens noch der Individualismus des Westens, das gesellschaftspolitische Bild der Zukunft bestimmen wird; es wird eine Synthese von beidem und damit etwas prinzipiell Neues sein. Befremden und schockieren wird die meisten Unternehmer, was sie in diesem Buch über sich selbst lesen, welcher Platz ihnen im Rahmen dieser Auseinandersetzungen zugewiesen wird – und wie unzureichend sie diesen Platz, nach Meinung Spindlers, bisher ausgefüllt haben.

Nach alter (kapitalistischer) Auffassung ist es die erste und wichtigste Aufgabe des Unternehmers, einen möglichst hohen Gewinn zu erwirtschaften. Für Spindler reicht das zu seiner Legitimation heute nicht mehr aus. Unter den Bedingungen der modernen Industriegesellschaft ist der Betrieb zu einem staats- und gesellschaftstragenden Faktor ersten Ranges geworden. Der für die Unternehmer daraus resultierende Auftrag tritt gleichrangig neben seine Aufgabe, einen Betrieb wirtschaftlich erfolgreich zu führen. Die Art und Weise, wie er mit seinen Arbeitern und Angestellten umgeht, hat damit aufgehört, seine Privatangelegenheit zu sein. Der Unternehmer ist, ob er will oder nicht will und ob er sich dessen bewußt ist oder nicht, zu einer politischen Schlüsselfigur geworden, von dessen Haltung und Handlungen die Zukunft unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung abhängt.