Von Thomas v. Randow

Professor Pound war sichtlich beunruhigt. Vor ihm lag ein Brief, dessen Verfasser behaupte, Einstein habe sich geirrt. Derartige Briefe kommen dutzendweise in naturwissenschaftlichen Instituten an. Sie stammen meist von geltungsbedürftigen Käuzen, die sich nicht damit abfinden wollen, daß der Kreis sich nicht quadrieren, das Perpetuum mobile nicht konstruieren oder Telepathie nicht verifizieren läßt. Und eben auch Einsteins Relativitätstheorie gehört zu den Anfechtungen jener „Privatgelehrten“. Doch in diesem Fall hatte die Sache für den Harvard-Physiker Robert V. Pound gleich zwei Haken:

Erstens gab der Absender des Briefes, Herr V. P. Lyadow, eine sehr respektable Adresse an: die Astronomische Abteilung der Staatsuniversität von Kasan (Tatarische ASSR). Zweitens nahm er Bezug auf ein gerade unter Pounds Leitung in Cambridge (Massachusetts) laufendes Experiment, dessen Ziel es war, eine Formel der Relativitätstheorie zu prüfen. Lyadow behauptete, Pound müsse bei diesem Versuch ein Ergebnis erhalten, das von dem nach Einstein zu erwartenden Resultat um zehn Prozent abweiche. Das ergäbe sich aus seiner, Lyadows, neuer Theorie. Das Ärgerliche daran war, daß Pound in der Tat trotz vieler Verbesserungen an seiner Versuchsanordnung stets nur bis auf zehn Prozent an den Einsteinschen Wert herankam.

Aus Lyadows spärlichen Angaben über seine Theorie wurde Professor Pound nicht klug, und auch ein zweiter mit ein paar Formeln versehener Brief des Tataren, der sich fortan in Schweigen hüllte, war leider unverständlich. Pound ist ehrlich genug zuzugeben, daß er damals – die Episode liegt jetzt ein Jahr zurück – so manche Nacht vergeblich über Lyadows Formeln brütend zugebracht hatte.

Heute lacht der amerikanische Physiker darüber. Inzwischen nämlich hat er zusammen mit seinem Kollegen Joseph L. Snider bei dem Experiment ein Resultat erhalten, das Einsteins Formel exakt bestätigt.

Müssen denn Einsteins Formeln noch bestätigt werden?

Hat nicht die Atombombe in drastischer Weise demonstriert, daß man getreu der Relativitätstheorie Masse in Energie verwandeln kann? Und wird nicht täglich in den kernphysikalischen Laboratorien auch der umgekehrte Vorgang tausendfach beobachtet, die Verwandlung von Energie in Materie? Ist es nicht Beweis genug für die Gültigkeit der Einsteinschen Theoreme, daß man sie heute längst in der Praxis beherzigen muß, zum Beispiel beim Bau von Elektronenschleudern? Hier wird Einsteins Formel berücksichtigt, wonach Materieteilchen an Masse zunehmen, wenn man sie auf hohe Geschwindigkeiten beschleunigt.