Von Heinz Josef Herbort

Ein „gospel and Spiritual festival“, was ist das? Über der Plakatankündigung in Kleinschreibung liest man zu dieser Veranstaltung: „Einmaliges Konzert.“ Im Programmheft dazu die Aufzählung: an 28 Tagen in 23 europäischen Großstädten. Neu ist diese Art von „wandernden Festspielen“ nicht. Bereits dreimal fuhr das American Volk Blues Festival durch Europa, und noch dieses Jahr sollen wir eine neue Folge hören.

Nach den Blues reisen jetzt also auch die Gospelsongs und die Spirituals.

Man hat Gospelsongs und Spirituals dreifach unterschieden – musikalisch, soziologisch und theologisch:

In frühester Zeit sang der Schwarze, der ja noch Sklave war, Spirituals. Als er befreit wurde, behielt er seine Lieder bei, verfremdete, europäisierte und kommerzialisierte sie jedoch. Als Gegenreaktion entstanden die Gospelsongs, die den ursprünglichen Spiritualcharakter wieder aufgriffen, die also stark rhythmisiert sind und auch weitaus mehr Improvisationselemente enthalten. Waren Spirituals Kompositionen für Gruppen, dominiert bei den Gospelsongs das Solo im Frage- und Antwortspiel zum Ensemble.

Gospelsongs sind die neuen Lieder der emanzipierten Neger, die den politischen Kampf um die Freiheit bereits hinter sich wissen. Die Lieder tragen der neuen soziologischen Situation Rechnung.

Die alten Spiritualsänger sahen ihre Erlösung, die Befreiung, im Diesseits, waren sozusagen am Alten Testament orientiert. Die Sänger des Gospelsongs richten ihre Augen auf die Erlösung im Jenseits, sind also mehr vom Neuen Testament her bestimmt.