Behängt mit sperrigen Paketen, die Samowars, Gitarren und Kaviardosen bargen, und bedeckt mit imposanten Pelzmützen verließen 73 Fluggäste die nagelneue Halle des Moskauer Flugplatzes Sheremetyewo und bestiegen die TU 104. Flugzeit bis zum Ostberliner Hafen Schönefeld: 140 Minuten. Der Ausflug Berlin-Moskau-Berlin Anfang Januar war das letzte der fünf Reiseprojekte, das die „Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft“, Sitz Westberlin, in der vergangenen Reiseperiode realisierte.

1947 mit Genehmigung der alliierten Kommandantur als „Gesellschaft zum Studium der Kultur der Sowjetunion“ gegründet, später vom Westberliner Magistrat unter seinem neuen Namen bestätigt, bemüht sich das Unternehmen seit Jahren um geschmeidigere Kontakte zwischen den Bürgern der geteilten Hauptstadt und der UdSSR. Schätzungsweise 40 000 Westberliner gehören ihr an. Sie zahlen als Mindestbeitrag 25 Pfennig bis eine Mark fünfzig im Monat. Es gibt eine sechzehnseitige Zeitschrift, die einmal monatlich herauskommt. Redakteur ist Franz Rump. Er arbeitet – wie der Geschäftsführer Rolf Elias und andere Mitarbeiter – ehrenamtlich. Zu den Veranstaltungen gehören Klubabende mit deutschsprachigen Vorträgen sowjetischer, in Westberlin stationierter Journalisten von Tass, Iswestija, APN und Moskauer Rundfunk über die sowjetische Außenpolitik. Aber auch Sowjetbürger ohne Journalistenstatus bemühen sich um Verbreitung von Kenntnissen über ihre Heimat.

Und es gibt das Reiseprogramm. „Natürlich sind wir kein Reisebüro“, sagt Herr Elias, „wir wärmen nur an. Doch der Trend zu Rußland ist da, Italien ist überlaufen und bekannt.“

1964 waren es fünf Reisen zu ungewöhnlich günstigen finanziellen Bedingungen (Intourist schießt ein Erhebliches dazu; erreichbar soll es auch für Studenten sein und gerade für sie): Zwei Fünf-Tage-Ausflüge mit der Düsenmaschine nach Moskau, eine achtzehntägige Reise nach Sotschi (obwohl, so Herr Elias, „reine Urlaubsreisen mit Sonne auf den Bauch eigentlich nicht unser Dampfer sind“), eine zweiwöchige nach Jalta; beide sind kombinierte Flug-Bahn-Reisen. Dazu kommt eine Moskau-Wolgagrad(Wolga)-Rostow (Don)-Tour mit Flugzeug, Bahn, Schiff. Preise: 370 für die beiden Moskau-Trips, 750, 620 und 650 für die anderen.

In diesem Jahr werden es fünfzehn Reisen sein. „Wir haben das erstmal im Kopf und als Voranschlag per Schreibmaschine an Intourist geschickt; die wollen uns im Februar Bescheid geben.“ Unter diesen Vorschlägen ist wieder Sotschi; dann sind es aber auch ein Besuch der Landwirtschafts- und Industrie-Ausstellung in Moskau-Ostankino und zu Ostern eine Reise nach Moskau und Leningrad (Flug bis Moskau, Triebwagen „Roter Pfeil“ bis Leningrad). Im Sommer ist eine vierzehntägige Reise nach Sibirien angekündigt; sie führt nach Irkutsk und den gestaffelten Wasserwerken in Bratska an der Angara, dann zum tiefsten See der Erde, dem Baikalsee (300 Zuflüsse, ein Abfluß: die Angara), wo eine Dampferfahrt winkt.

Für diejenigen, die Grundkenntnisse in der russischen Sprache haben – auch für Anfänger – will die Gesellschaft einen drei- bis vierwöchigen Aufenthalt in Moskau einrichten. Drei Stunden jeden Vormittag werden diese Touristen auf der Schulbank verbringen, unterrichtet von einem Lehrer des Moskauer Fremdspracheninstituts. Nachmittags wird die Theorie in der Praxis erprobt: Wie man auf Russisch eine Trambahnfahrkarte erwirbt, einkauft, ein Buch in einer öffentlichen Bibliothek ausleiht, Bestellungen im Restaurant macht („damit der Mann nicht bloß ergeben und ahnungslos warten muß, was der Kellner serviert“). Der Termin dieser Fahrt richtet sich nach den Semesterferien der Berliner Hochschulen, ebenso aber nach dem Ferienplan der Moskauer Lehrer, „die dürfen natürlich nicht gerade auf ihrer Datscha sein“. Die erste Reise – vier Tage Ende März – führt zum Kloster Sagorsk und in berühmte Moskauer Museen. Preis: 365 Mark. Zum Vergleich: Ein gewöhnlicher Flug mit einer Linienmaschine Berlin-Moskau und zurück kostet etwa 930 Mark.

Auf diese günstigen Angebote können freilich nur Westberliner eingehen; sie brauchen nicht Mitglied der Gesellschaft zu sein. Die bundesrepublikanischen Sektionen der Gesellschaft für deutsch-sowjetische Freundschaft sind nämlich in den Jahren 1955 und 1956 nach fünfjährigem Bestehen aufgelöst worden.

Marianne Eichholz