Von Karl Otto Conrady

Prof. Dr. Conrady ist Ordinarius für Neuere deutsche Literaturgeschichte an der Universität Kiel

Die Diskussion um die Vergangenheit der deutschen Germanistik ist wieder aufgeflammt. Sie hätte längst geführt werden können und müssen. Nun rächt sich das Versäumnis, und nun wird die Diskussion, wie alles zu spät Getane, unerquicklicher, als die Sache selbst es fordert. Oft zu wahllos und prinzipienlos wird jetzt gemessen und gewogen. Daher dürfte es nützlich sein, einige Beweggründe der kritischen Gänge zu erläutern und sich vor allem über gewisse Prinzipien zu verständigen, die in der Auseinandersetzung Geltung behalten müssen.

Diese Gedanken sind größtenteils schon im Herbst vergangenen Jahres niedergeschrieben worden, aber es schien gut, sie aus den damaligen aktuellen Fehden herauszuhalten und für beruhigtere Zeiten aufzusparen.

Zumeist sind es Angehörige der jüngeren Generation, die die Fragen nach dem Weg der Germanistik stellen. Wir Jüngeren möchten erkennen, welche Gründe es bewirkt haben, daß gerade so viele Germanisten an der Zurichtung der geistigen Basis, auf der sich das nationalsozialistische Regiment erst einrichten konnte, beteiligt gewesen sind, ohne daß sie freilich alle fürchterlichen Konsequenzen einkalkulieren konnten, geschweige denn gewollt haben.

Aber das kann nicht heißen, daß eine jüngere Generation über eine ältere zu Gericht sitzen möchte. Es geht überhaupt nicht um einzelne Personen, sondern um eine Besinnung auf die Grundlagen und Aufgaben unseres Faches, die nicht möglich ist ohne die Analyse dessen, was vorgegangen, denn es geschah unter dem Anspruch germanistischer Wissenschaft.

Nicht um der Vergangenheit, sondern um der Gegenwart und Zukunft eines Faches willen, das mit dem öffentlichen literarischen Leben unmittelbar verbunden ist (oder doch sein sollte), muß die Auseinandersetzung geführt werden. Es gilt auch in diesem Felde, geistige und politische Elemente, die den Gang der jüngsten deutschen Geschichte mitbestimmt haben, bewußt zu machen, damit sich Ähnliches nicht wiederhole.