Frankfurt Nun sind sie wieder zurück. Nach Schätzungen der Bundesbahn waren rund 300 000 Gastarbeiter über die Weihnachtsfeiertage und Neujahr in ihre Heimat gefahren. Sie wurden in den Betrieben der Bundesrepublik schon sehnsüchtig erwartet; die Legionen aus Italien, Spanien, Griechenland, dem Vorderen Orient und Nordafrika sollen die westdeutsche Wirtschaft auf Touren halten. Alle Verbände, ob Unternehmerorganisation oder Gewerkschaft, sehen keine Gefahr einer „Überfremdung“, obwohl das ausländische Arbeiterheer nach der Statistik der Bundesanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung bereits die Millionengrenze überschritten hat.

Doch die Zahlen, die in Nürnberg bei der Bundesanstalt gesammelt werden, sind unvollständig: Nicht registriert – weil nicht faßbar – sind die „Illegalen“, die in den Sog des Arbeitsmarktes der Bundesrepublik geraten sind. Es kann keine exakte Statistik darüber geben, nur Schätzungen liegen vor, und sie bewegen sich zwischen fünf und zehn Prozent der Anzahl der „Legalen“. Das ist eine ganz beträchtliche „Dunkelziffer“, und sie macht vor allem der Polizei und den Gerichten erhebliche Sorgen. Eine Arbeitsbewilligung und eine Aufenthaltsgenehmigung in der Bundesrepublik zu bekommen, ist für die Angehörigen von Nicht-EWG-Staaten mit erheblichen Behördenschwierigkeiten verbunden. So sind erfahrene Beamte der Strafverfolgungsorgane nicht darüber überrascht, daß diese Situation von kriminellen Elementen ausgenutzt wird.

Der Bahnhof Stuttgart hat sich zu einem Umschlagplatz für die, illegale Einreise griechischer Staatsangehöriger entwickelt. Beim Amtsgericht Stuttgart und bei der Staatsanwaltschaft hat man reichlich Erfahrung sammeln können. Immer wieder werden Söhne Griechenlands und des Vorderen Orients wegen Vergehens gegen das Paßgesetz und wegen Urkundenfälschung verurteilt. Vor den Schranken des Gerichts wurden auch die Arbeitsmethoden der „Vermittler“ aufgedeckt: In der Heimat werden zu Preisen von einigen hundert Mark gefälschte Unterlagen für die Einreise und die Arbeitsaufnahme in der Bundesrepublik verkauft. Wenn der Grenzübergang auf den ersten Anhieb nicht klappt, werden die Vermerke über die verweigerte Einreise mit Briefmarken oder irgendwelchen Stempeln überdruckt. Einer der Agenten hatte unbekümmert in einer griechischen Tageszeitung inseriert und Arbeitskräfte für München gesucht. Er schleuste sie im eigenen Fahrzeug in die Bundesrepublik ein und überließ sie dann ihrem Schicksal.

Auch im Libanon, in Jordanien und Syrien lockten „Reisebüros“: „Besucht die Bundesrepublik Deutschland.“ Und die Arbeitsverträge, die dort verkauft wurden, waren ebenso falsch wie die Hoffnungen, die damit erweckt wurden. Den Hauptanteil der Opfer stellen die „Palästina-Flüchtlinge“. Der Geschäftsgeist der „Vermittler“ hat treffsicher erkannt, daß mit der Not – der... Elüchtlinge am leichtesten gutes. Geld zu machen ist. Und wenn an der Grenze die „Touristen“-Omnibusse angehalten werden, dann sind die Insassen durchaus wohlhabende Leute, die sich einen Europatrip leisten können. Erst bei den Gerichtsverfahren stellt sich dann heraus, daß die Geldscheine vor der Grenze „ausgegeben“ wurden und wenige Minuten nach der Kontrolle vom „Reiseleiter“ wieder eingesammelt wurden.

Für diejenigen, die für die Erlösung aus der Hoffnungslosigkeit der Flüchtlingslager mehr ausgeben wollten, wurden Flugreisen arrangiert. Wenn das Unternehmen an der Grenzschutzstelle des Flughafens Frankfurt endete, folgte der zweite Versuch per Schiff nach Marseille und von dort auf dem Landweg in die Bundesrepublik. Nach den Erfahrungen der deutschen Strafverfolgungsbehörden hatten jordanische „Reisebüros“ das Geschäft mit einem Geldverleih gekoppelt, bei dem Darlehen mit 40 Prozent Zinsen üblich waren. Die vorderasiatischen „Sklavenhändler“ bewiesen einen beachtlichen Einfallsreichtum: Ihre „Schützlinge“ kamen sehr oft wohlausgerüstet mit Touristenvisen für Belgien oder die Niederlande, für Schweden oder Dänemark, für die Schweiz oder Luxemburg.

Obwohl es in Italien und Spanien offizielle Vermittlungsstellen gibt, gedeiht auch hier nebenher eine illegale Konkurrenz. Sie hat nur andere Formen. Die „Vermittler“ treten an deutsche Firmen heran, bieten Arbeiter an – für die man die illegale Einreise organisiert – und kassieren Kopfprämien von deutschen Unternehmen. Ein Weg führte unter anderem über eine Tarnfirma in Liechtenstein. Nach den Erfahrungen der Fachleute beeindruckt es manche deutschen Firmen keineswegs, daß sie sich strafbar machen, wenn sie sich auf diese Art und Weise Arbeitskräfte beschaffen.

Aus Gerichtsakten geht hervor, daß sich mit dem „Menschenhandel“ vor allem diejenigen „Kaufleute“ beschäftigen, die früher einmal vom einträglichen Autoschmuggel zwischen der Bundesrepublik und der iberischen Halbinsel gut leben konnten – bis die Polizei energisch zuschlug. Auffällig hoch sei die Zahl deutscher Staatsangehöriger, die sich daran beteiligten, heißt es in Fachkreisen. Wie bei den Reisen aus dem Vorderen Orient nach Europa übernehmen auch hier häufig die „Vermittler“ auch das lukrative Transportgeschäft. Die Grenzen werden in der Regel ordnungsgemäß passiert. Der Schönheitsfehler ist nur, daß in den Pässen lediglich ein Einreisesichtvermerk für Touristen eingestempelt ist.