Die SED-Ideologen haben die intellektuelle Rebellion des Robert Havemann nicht niederwerfen können. Sie kämpfen noch immer gegen den Professor und seine Thesen. Und es sieht so aus, als habe Havemann sein Ziel erreicht: Er hat unter den deutschen Kommunisten eine ideologische Diskussion ausgelöst. Seine Gedanken werden analysiert; man versucht sie zu berichtigen, polemisiert gegen sie. Dabei kämpfen die Parteiideologen gegen einen Schatten. Denn offiziell dürfen die Vorlesungstexte Havemanns nicht weiterverbreitet werden; außer einigen hundert Studenten und Funktionären kann sie eigentlich in der DDR niemand kennen. Doch die totalitäre Gesellschaft hat ihre eigenen Informationswege.

Jetzt hat die SED zur Großoffensive gegen die Thesen Havemanns geblasen. Im Ostberliner Akademie-Verlag wird demnächst ein umfangreiches Buch erscheinen, das Robert Havemann „gewidmet“ ist. Die führenden Ideologen Ulbrichts wollen in diesem Band einen Beitrag „zur notwendigen Festigung des Bündnisses zwischen dialektisch-materialistischer Philosophie und den Wissenschaften, insbesondere der Naturwissenschaft“ liefern. Wer diese „Festigung des Bündnisses“ notwendig gemacht hat, lassen die Herausgeber nicht im Dunkeln: Aufgabe des Buches sei es, „die unbegründeten Angriffe Robert Havemanns auf den dialektischen Materialismus zurückzuweisen“.

Havemann hatte in seinen Vorlesungen die Befreiung der Wissenschaft aus dem ideologischen Korsett gefordert: Nicht die Ideologen sollten den Wissenschaftlern Methoden und Ergebnisse ihrer Forschung diktieren, sondern umgekehrt müßte endlich kommunistische Philosophie und Gesellschaftswissenschaft aus den Erkenntnissen pragmatischer Forschung lernen. Mit dieser These gewann Havemann die Zustimmung vor allem der Naturwissenschaftler in der DDR.

Die Veröffentlichung des Akademie-Verlages unter dem zweideutigen Titel „Wissenschaft contra Spekulation“ soll den Primat der dialektischmaterialistischen Philosophie in der Naturwissenschaft verteidigen. Der „Sonntag“ veröffentlichte im Vorabdruck den Beitrag des Naturwissenschaftlers und Parteiideologen Professor Gerhard Harig. Danach zu urteilen, ist die Polemik gegen Havemann jedoch vorsichtiger und differenzierter als früher. Harig setzt sich nicht nur von Havemann, sondern auch von den „Dogmatikern“ ab. Er gibt zu, daß der „Personenkult“ auch die „Entwicklung der marxistischen Philosophie“ aufgehalten und auf wissenschaftlichem Gebiet zu „gefährlichen Krankheiten“ geführt habe. Die theoretische Naturwissenschaft in der DDR sei heute weit zurückgeblieben,

Um diesem Übel abzuhelfen, fordert Harig freilich nicht, wie Havemann, die Befreiung vom ideologischen Dogma, sondern die Rückbesinnung der Naturwissenschaft auf die Prinzipien der marxistischen Philosophie: „Der Kampf um die weltanschauliche und philosophische Grundlage der Naturwissenschaft ist auch heute und gerade heute ein Ausdruck des Klassenkampfes.“

Diesen Kampf fechten die Ideologen Ulbrichts zur Zeit an den Universitäten – gegen offenbar wachsenden Widerstand auch aus den eigenen Reihen. Das SED-Politbüromitglied Professor Kurt Hager mahnte erst vor zwei Wochen die in den letzten Monaten wiederholt getadelten Parteiorganisationen an den Hochschulen, „weiterhin einen beharrlichen Kampf gegen alle Versuche der Entstellung und Verfälschung des Marxismus-Leninismus“ zu führen. K. H.