R. H., Hamburg

Der Stadtteil ist nahe der schönen Elbe gelegen, auf der die sehenswerten Schiffe aus aller Welt des Besuchers Auge erfreuen. Romantische Häuser aus dem neunzehnten Jahrhundert, hell und frisch gestrichen, konkurrieren mit Hochhäusern, in denen 1600 Junggesellinnen wohnen. Schaufenster und Vitrinen laden zum Shopping ein. Auf Veranden sitzend, beobachten die Gäste von überall tags die Passanten, abends Leuchtreklame von erlesenem Geschmack. Was ihnen serviert wird, ist gut und preiswert.

Hell und heiter ist es auch drinnen, wo viel Lustiges geboten wird. Da erscheinen junge Damen auf kleinen Bühnen, entzückend gekleidet. Auf daß der Gast, der mit seiner Familie gekommen ist, nicht nur über Mäntel und Kleider unterrichtet die Stadt wieder verläßt, legen die jungen Damen diese zuweilen ab, und verraten so, wie die Bademode des nächsten Sommers sein wird. Denn weniger als anständigerweise im Schwimmbad getragen wird, trägt hier niemand. Schürz’ dich Käthchen – bis zum Zwickel nur!

Über die Hauptstraße des Stadtteils spannt sich eine Brücke, von der aus der bunte Trubel zu überblicken ist. Was diese Brücke als Leuchtreklame ziert, ist kaum noch als solche erkennbar. „Hier bin ich Mensch, hier ist es rein“ ist dort zu lesen. Und wirklich: Sauberkeit und Frische weht von Lokal zu Lokal. Hier ist des Volkes wahrer Himmel. St. Pauli ist für alle da, nur für die Ganoven nicht mehr.

Es handelt sich, wie der Leser sofort erkannt haben wird, also um Hamburgs Grinzing – Zukunftsvision. des Stadtteils, in dem man noch nicht beim asozialen Wohnungsbau angekommen ist und darum die registrierten Junggesellinnen noch Wind und Wetter ausgesetzt sind; wo die Davidswache vorläufig noch Tag und Nacht mit vollbeschäftigten Polizisten besetzt ist.

Ob die Registrierkassenfabrik, die sich auf Millionenverkäufe an Lokalpächter der Reeperbahn einrichten will, gut beraten ist, steht dahin. Denn ohne diese teuren Maschinen rechnen die Kellner fast aller Lokale schon sehr genau. Soviel ist von St.-Pauli-Utopia schon verwirklicht. Und das, obwohl vor kurzem der Nepp im Vergnügungsviertel das Vergnügen so oft auf weniger als ein Viertel zusammenschrumpfen ließ. Hamburgs Innensenator Helmuth Schmidt hat sich – begleitet vom Polizeipräsidenten Dr. Frenzel und dem für St. Pauli zuständigen Amtmann Falck – davon überzeugt, daß es weit redlicher zugeht, als andere Gäste behaupten.

Die drei stadtbekannten Persönlichkeiten untersuchten die Vergnügungen dienstlich, aber getarnt als private Besucher. Es ist anzunehmen, daß sie mit jenen Argusaugen umherblickten, die dem Detektiv Argus (von Theo Lingen in einem längst verschollenen Film gespielt) den Namen geben. Lingen-Argus ging ebenfalls aus, um unerkannt die Wahrheit zu finden. Kaum aus dem Hause getreten, begrüßte ihn ein Passant mit „Guten Tag Argus“.

„Was?“ rief Argus empört, „sehen Sie denn nicht, daß ich maskiert bin?“