Im Heimatstil bauen von Texas bis Tegernsee gerade diejenigen, die an diesen Orten keineswegs beheimatet sind

Von Hermann Funke

Die Architektur, sagen ihre Geschichtsschreiber, sei immer der Ausdruck der Zeit. Heute suchen und finden sie diesen Ausdruck in dem, was sie die große oder die „internationale Architektur“ nennen, also in einigen wenigen über die ganze Erde verstreuten Bauten, die nur sehen kann, wer längere Reisen nicht scheut.

Die Masse des Gebauten, alles, was so um uns herumsteht, worin wir wohnen und arbeiten und unsere Zeit verbringen, interessiert die Geschichtsschreiber der modernen Architektur so wenig wie die Kunsthistoriker der röhrende Hirsch, den sich die Leute in ihre Wohnzimmer hängen. Sie orientieren sich an den großen Meistern wie einst die Historiker an den Königen und Helden.

Daher gehen sie auch am Heimatstil wortlos vorüber, obwohl der – von Texas bis Tegernsee – wirklich international ist und sich seit über sechzig Jahren von den Richtungsänderungen der großen Architektur kaum beirren läßt, obwohl dieser Stil also über unsere Zeit, über uns und unsere Mitmenschen einiges auszusagen haben dürfte.

Der Heimatstil hat kein Stichwort im Lexikon der Baukunst. An den Architekturschulen wird er nicht unterrichtet und steht in keinem Lehrbuch. Der Heimatstil ist eine Volksbewegung, eine Bewegung nicht geradezu des ganzen Volkes, aber doch seiner finanziell bessergestellten Schichten.

Ein Haus im Heimatstil ist das