Von Heinz Michaels

Das deutsche Volk ist zwar kein Volk von Fliegern geworden, wie es jemand vor dreißig Jahren gefordert hatte, aber es hat gute Chancen, ein Volk von Flugreisenden zu werden. Mit stürmischem Elan werden die Flugtouristik-Unternehmen in diesem Jahr die Halb-Millionen-Grenze überschreiten; sie erwarten 650 000 Fluggäste, eine viertel Million mehr als im letzten Jahr. Noch vor drei Jahren waren es nur gerade 90 000 Bundesbürger, die ihre Urlaubsreise im Flugzeug angetreten haben.

Just zu Weihnachten präsentieren die großen Flugtouristik-Unternehmen – Touropa und Scharnow an der Spitze – ihre Programme für den nächsten Sommer mit „sensationellen“ Preissenkungen von 15 bis 35 Prozent. Und auch die Veranstalter von Einzelreisen ließen sich nicht lumpen: Sie sind bis zu 10 Prozent billiger als im Vorjahr. In einer Zeit, da allerorten von Preiserhöhungen gesprochen wird, läßt das wahrlich aufhorchen.

Viele schrieben das Verdienst Neckermann zu, dem Versandhändler, der nicht nur auch Häuser baut und Versicherungen verkauft, sondern nun auch Traumreisen veranstaltet – nach Beirut etwa. Doch was auf den ersten Blick als die Wirkung eines Preisbrechers erscheint, erweist sich schließlich als eine nüchterne Massenkalkulation.

Wer heute in ein Reisebüro geht und sich ein Flugticket für die normale Linienmaschine von Frankfurt von Palma de Mallorca – dem noch immer bevorzugten Traumziel der deutschen Flugtouristen – löst, muß dafür 523 Mark bezahlen. Wie ist es da möglich, daß Touropa oder Hummel, Neckermann oder Tigges dann eine fünfzehntägige Reise mit Vollpension schon für knapp 300 Mark (in Vor- und Nachsaison) anbieten?

Hier ist es notwendig, einen Blick auf das Tarifsystem im Luftverkehr zu werfen. Die Flugpreise werden für alle Linienflugzeuge einheitlich von der IATA, der internationalen Vereinigung der Luftverkehrsgesellschaften, festgelegt. Sie sind so berechnet, daß sie auch das Risiko decken sollen, wenn das Flugzeug nur halb voll ist. Streng nach dem Grundsatz „keine Regel ohne Ausnahme“ existieren dann aber zahlreiche Sonderregelungen. So gibt es nach Palma neben dem Normaltarif von 523 Mark noch einen Exkursions-Tarif für einen Aufenthalt von sieben bis 23 Tagen, der nur 427 Mark kostet. Bucht man gar gleich seinen Hotelaufenthalt beim Reisebüro mit – Inclusiv-Tour in der Fachsprache –, so erhält die Fluglinie sogar nur 320 Mark.

Daneben gibt es aber die Möglichkeit, Flugzeuge ganz zu chartern. Und wenn man das bei einer Fluggesellschaft tut, die nicht der IATA angehört, so kann sie ihre Preise frei kalkulieren. Für den Sitzplatz in einer Chartermaschine von Frankfurt nach Palma zahlt ein Reiseunternehmer heute etwa 200 Mark oder weniger. Es soll sogar schon Angebote für 150 bis 160 Mark geben. Es liegt nun am Geschick der Reiseunternehmer, welche Verträge sie mit den Hoteliers abschließen, um ihren Kunden dann preiswerte Reisen anbieten zu können.