HAMBURG (Kunstverein): „Francis Bacon“

Das früheste Bild der Hamburger Retrospektive heißt „Figur in einer Landschaft“. Ein Mann sitzt im Hyde Park, sitzt auf einem Stuhl und döst. Bacon hat es nach einem Schnappschuß gemalt, er malt gern nach Photographien; der Mann, der im Hyde Park sitzt, ist er selber. Die „Studie zum Bildnis Lucian Freud“ stammt von 1964, drei dieser großformatigen „Studien“ hängen nebeneinander, dreimal derselbe Mann auf derselben Bank, außerdem sieht man auch noch drei kleinere „Studien“ zum Kopf des Mannes. „Studien zum Bildnis“ bedeuten bei Bacon nicht Vorstudien für ein späteres Definitivum, sie sind das Bildnis selbst, in verschiedenen Fassungen: ein Mann namens Lucian Freud, ein Mister X, ein Pennbruder, in verschiedenen Phasen der Bewegung und Mimik, wie auf einem Photomaton-Bogen. Lucian Freud, der noch immer so vor sich hindöst wie vor zwanzig Jahren der Mann in der Landschaft, dann (auf der abgebildeten „Studie II“) halbwegs aus seiner Apathie erwacht zu einer Geste des Unmuts, des Zähneknirschens und Gliederstreckens – und pennen wir weiter, es lohnt nicht. Diese späten Bilder, die in Deutschland noch nicht zu sehen waren, sind um keine Spur schwächer; es ist auch keine Entwicklung, kein Ablauf verschiedener Stil- und Schaffensphasen zu konstatieren wie bei den Retrospektiven anderer Maler. Ob er nach Photos arbeitet oder nach der Natur oder nach Gemälden, dem Papstporträt des Velasquez: die Modelle werden brutal entrealisiert, durch die Mangel gedreht, in die Länge gezogen, in eine Spirale gezwungen, in einem gläsernen Lineament isoliert, wo sie ihre Apathie, ihre Hysterie, ihre Erbärmlichkeit zur Schau stellen. Momentaufnahmen, Schnappschüsse aus einem Inferno, als welches sich dem Maler das menschliche Da-, Allein- und Zusammensein darbietet, das er aus seinen Modellen herausfiltriert. Das Gesicht wird nicht wie bei kubistischen Porträts methodisch deformiert, das Verschleierte und Verzerrte Baconscher Gesichter erinnert an verwackelte Aufnahmen oder an verschmierten Zeitungsdruck oder an die Unschärfe, die das Gesicht des Partners annimmt, wenn der Betrachter eine bestimmte Promillegrenze erreicht hat, während der glasige Blick Brillenbügel, Halstuch, Schuhsohlen überdeutlich registriert. Nur daß solche delirierenden oder halluzinatorischen Erfahrungen nicht die Malerei, nicht das Bild beeinträchtigen, weil sie dem Malprozeß vorausgehen und die künstlerische Kraft mobilisieren. Er malt weder sozial noch politisch engagiert, er akzeptiert Anomalien und Absurdität, weil sie ihm künstlerisch zupaß kommen. – Die Ausstellung, mit 61 Gemälden aus zwanzig Jahren, dauert bis zum 21. Februar, geht dann weiter nach Stockholm und Dublin, Bacons Geburtsstadt.

STUTTGART (Gustav-Siegle-Haus):

„Verkaufsmesse deutscher Antiquare, Autographen- und Graphikhändler“

Am 3. Februar um 17 Uhr wird die 4. Messe der Antiquare eröffnet, sie dauert bis zum 7. Februar. 25 deutsche und 6 ausländische Firmen, rund ein Drittel der Mitglieder des Verbandes deutscher Antiquare, Autographen- und Graphikhändler, bieten hier in Stuttgart eine konzentrierte Auswahl aus ihren Spezialgebieten. Bei der alten Kunst findet man hervorragende Druckgraphik, Handzeichnungen werden dagegen nur vereinzelt angeboten. Die moderne Kunst geht über den Bereich der Graphik hinaus, der Katalog verzeichnet Gemälde von Klee, Aquarelle von Feininger, Bronzen von Barlach und Heiliger. g. s.