Köln

Im Hause des Festkomitees für den Kölner Karneval in der Rubensstraße 2 hängt ein großes Ölgemälde, das nicht nur Kölner Jecken die Tränen in die Augen treibt: Da lugt Willi Ostermann, der verblichene Altmeister Kölner Karnevalslieder, aus den Wolken hervor, auf dem Kopf die Narrenkappe, im Auge einen seraphischen Schimmer, die Flügelchen, die ihm aus den Schultern wachsen, in Habt-acht-Stellung. Unten auf Erden, die Köpfe andächtig nach oben gewandt, harrt das kölsche Volk himmlischer Töne.

Die fromme Absicht des Künstlers ist nicht zu verkennen. Aber in diesem Jahr hat Schutzengel Ostermann noch nichts genutzt. Am Kölner Karnevalshimmel türmen sich Gewitterwolken. Nur Kummer und Sorgen hatten die Generalstäbler des "vaterstädtischen Festes" bisher. Es begann zu Neujahr: Das "Dreigestirn" – Prinz, Bauer und Jungfrau – für die Session 1965 war längst im Rathaus vorgestellt worden, da wurde Oberbürgermeister Burauen auf einer Herrensitzung der Karnevalsgesellschaft "Lyskircher Jungen" noch ein zweites Dreigestirn vorgeführt. Außerdem teilte der Präsident der Gesellschaft, Jean Küster, mit, 600 Festorden seien auch schon da. Die Gesellschaft, eine der rund vierzig Kölner Karnevalsvereine, die dem Festkomitee ein Dreigestirn vorschlagen können, hatte fest mit der Ehre gerechnet. Zu spät: Der Schattenprinz durfte zu Neujahr nur einmal ein Tanzmariechen von den Roten Funken küssen, dann mußte er wieder abtreten. Stadtvater Burauen vertröstete die Jecken so gut er konnte auf das nächste Jahr: "Der Luftschutz legt Hortungsläger an. Das Festkomitee des Kölner Karnevals folgt ihm darin und sorgt für mehrere Jahre im voraus."

Dieser Trost konnte indes den stellvertretenden Präsidenten der Gesellschaft nicht beruhigen. Die Schmach war zu groß gewesen, die Kränkung tat zu weh. Er schrieb dem Präsidenten des Festkomitees, Ferdi Leisten, einen bösen Brief: "... muß ich Ihnen meine tiefe Enttäuschung über Ihr Verhalten mir gegenüber mit allem Nachdruck zum Ausdruck bringen Er Er klagte ihn an, ein Versprechen gebrochen und die "Lyskircher Jungen" wissentlich in die Irre geführt zu haben. Der Brief geriet in eine Düsseldorfer Zeitung, die Kölner lasen ihn und schimpften: Ausgerechnet die Düsseldorfer wurden über ihre Sorgen besser unterrichtet als sie selber.

Die Situation wurde noch ernster, als Jean Küster, Stellvertreter Ferdi Leistens und einer der beliebtesten Jecken im Kölner Reich, sein Amt im Festkomitee niederlegte und sich von dem Beschwerdebrief der "Lyskircher Jungen" distanzierte. Auch er gab keinen Kommentar, sondern meinte nur: "Meine Weste soll weiß bleiben. Ich stehe jetzt nur noch am Rande." Die Generalversammlung der Jecken nahm seinen Verzicht an.

Die "Neue-Rhein-Zeitung" witterte Unrat. "... ihn sozusagen durch einen Selbstverzicht zu beseitigen, ist keine unbedenkliche Methode. Von einem solchen Machttrick zur Palastrevolution ist oft nur ein kleiner Schritt." Nun war Ferdi Leisten, der oberste Jede, beleidigt. Wiederum berief er eine Generalversammlung ein und versicherte: "Solange ich hier stehe, wird es im Kölner Karneval keine Palastrevolution geben." Dann schrie er den Journalisten von der "Neuen-Rhein-Zeitung" nieder, der sich ebenfalls im Saale befand. "Eine bitterböse Narretei", kommentierte der "Kölner Stadt-Anzeiger".

Wenige Tage später stellte sich heraus, daß Ferdi Leisten auch den Unmut der Stadtväter auf sich gezogen hatte. Nach langem Drängen hatte er den Werbemanagern der Autofirma Ford nachgegeben, die schon immer gern den Prinzen und sein Gefolge während der Karnevalszeit durch Köln gefahren hätten. Bisher hatte die Kölner VW-Vertretung diese Ehre gehabt, und Ford hatte nur die Baggagewagen für den Karnevalszug stellen dürfen. Das hatte die Firma bisher 1,2 Millionen Mark gekostet und war wenig werbewirksam gewesen, denn die Wagen waren mit Blumen und Dekorationen so verkleidet, daß Unkundige die Marke nicht identifizieren konnten. Die marktwirtschaftliche Entscheidung von Ferdi Leisten könnte von der Bevölkerung falsch gedeutet werden, meint die Stadt.