Napoleons „hundert Tage“ endeten in Waterloo, Wilsons „hundert Tage“ in Leyton. Bei einer Nachwahl in der kleinen Londoner Arbeitervorstadt mußte die britische Labour-Partei eine unerwartete Niederlage einstecken. Ihr winziger Vorsprung vor den Konservativen verringerte sich auf drei Abgeordnete.

Die Stahlaktien schnellten sofort in die Höhe, da es nun unwahrscheinlich geworden ist, daß Wilson noch die Verstaatlichung der Stahlindustrie durchpauken kann. In jedem Fall würden auch die neun Liberalen im Unterhaus gegen die Regierung stimmen. Neuwahlen im Frühjahr sind gleichfalls fraglich geworden, da Wilson mit einem Stimmenanstieg für die Konservativen rechnen muß.

Die Niederlage in Leyton war allerdings ein komplizierter Sonderfall, aus dem nicht unbedingt Rückschlüsse auf die allgemeine Stimmung im ganzen Lande gezogen werden dürfen. Sie war in erster Linie die persönliche Tragödie des Außenministers Patrick Gordon Walker, der bei der Wahl im Oktober seinen Unterhaussitz verloren hatte und nun das Mandat von Leyton erhalten sollte, damit er endlich dem Parlament seine Außenpolitik selber erläutern kann.

Der Wahlkreis Leyton galt seit dreißig Jahren als sichere: Labour-Domäne. Wilson hatte den im Herbst gewählten Abgeordneten ins Oberhaus hinaufbefördert, um für seinen Außenminister Platz zu schaffen. Aber er und sämtliche Meinungsforscher hatten ihre Rechnung ohne den Wähler gemacht. Ein großer Teil der Stammwähler blieb zu Haus, andere liefen zu den Konservativen über. Gordon Walker bekam nur zwei Drittel der Stimmen seines Vorgängers und unterlag mit nur 205 Stimmen.

Dieser Wählerstreik hatte viele Gründe: Vor allem hatten sich die Bürger geärgert, daß die Partei ihnen an Stelle eines populären Abgeordneten einen ortsfremden Kandidaten aufzwingen wollte, der dazu noch ein „Rausgeschmissener“ war, einer, der in einem anderen Wahlkreis verloren hatte.

Ebenso wie im Herbst in Smethwick wurde Gordon Walker auch hier seine Einstellung zum Rassenproblem mit zum Verhängnis. (Er hatte Versuche bekämpft, die Einwanderung von Farbigen nach Großbritannien zu beschränken.) Obwohl persönlich ehrenwert und sympathisch, fand der intellektuelle Gordon Walker auch nicht den rechten Zugang zu den einfachen Leuten der Vorstadt. Die trotz Labour-Regierung gestiegenen Preise und die verzögerte Rentenauszahlung schlugen bei ihm als Nachteil zu Buch.

Der alte Labour-Mann, der sich ein Leben ohne Politik nicht vorstellen kann, mußte die bitteren Konsequenzen ziehen. Harold Wilson schrieb ihm einen trostreichen Brief („Mein lieber Patrick“), in dem er Gordon Walker als Verdienst anrechnet, daß Großbritannien beginne, „wirklich wieder etwas zu gelten“, und daß „eine wachsende Zahl unserer Partner“ von den Engländern „eine Führungsrolle“ erwarte.