Die Warschauer Konferenz der Ostblockstaaten war kaum beendet, da holte Peking letzte Woche zu einem neuen Schlag gegen Moskau aus. Die chinesischen Führer verbreiteten in allen Weltsprachen einen wenige Tage zuvor erschienenen albanischen Artikel gegen den Kreml. Zum erstenmal wurden darin Chruschtschows Nachfolger direkt angegriffen. Den kommunistischen Parteien Westeuropas wurde vorgeworfen, sie stünden „im Dienst der Monopol-Bourgeoisie ihrer Länder“ und führten einen „opportunistischen, verräterischen und spalterischen Kurs“. Es kann kein Zweifel darüber bestehen: damit ist die Pause im Konflikt zwischen Peking und Moskau beendet. Die Auseinandersetzung im Weltkommunismus ist wieder in vollem Gang.

Ganz unerwartet kommt dies nicht. Ende November schon hatte sich die chinesische Fraktion des Weltkommunismus zu einem demonstrativen Treffen in Tirana versammelt. Neben den herrschenden Parteien Chinas, Nordkoreas, Nordvietnams und Albaniens sowie den Parteien Indonesiens, Japans und Neuseelands nahmen auch Vertreter der KP Rumäniens und der prochinesischen KP-Fraktionen Belgiens, Australiens, Österreichs, Frankreichs, Italiens, Spaniens und Englands daran teil. Eine prochinesische Gruppe der illegalen KP der Bundesrepublik, die sich als „Komitee der Marxisten-Leninisten in Westdeutschland“ bezeichnete, sandte ein Begrüßungstelegramm; darin wurde nicht nur der Chruschtschow-Kurs, sondern auch die Politik der „deutschen Revisionisten unter der Führung Ulbrichts“ verurteilt.

Das Treffen in Tirana wirkte wie eine Generalprobe für den zukünftigen Gründungskongreß einer Internationale der Pekinger Richtung. Es war sicher kein Zufall, daß die Chinesen wenige Tage später in allen Weltsprachen einen Kommentar „Warum Chruschtschow von der Bühne abgetreten ist“ verbreiteten. In zwölf Punkten waren darin die Verfehlungen Chruschtschows zusammengefaßt – aber sie waren so formuliert, daß sie weniger gegen den gestürzten Parteiführer als vielmehr gegen Breshnew und Kossygin gerichtet schienen. Kategorisch erklärten die Pekinger Führer, daß sie einen „Chruschtschowismus ohne Chruschtschow“ nicht dulden würden.

Der prochinesische Flügel im Weltkommunismus hatte damit ein neues Kampfprogramm erhalten. Seit Anfang Dezember war es unverkennbar, daß sich die Auseinandersetzungen und Fraktionskämpfe zwischen der sowjetischen und chinesischen Richtung wieder verschärften. In der KP Japans tobt ein erbitterter Kampf zwischen der nach China orientierten Mehrheitspartei unter Kenji Mijamoto und einer kleineren prosowjetischen Gruppe unter Yoshio Shiga und Ichizo Suzuki. Die Publikationen der chinahörigen Fraktion in einigen europäischen kommunistischen Parteien – darunter Nuova Unità (Italien), Vanguard (England) und Rote Fahne (Österreich) – griffen die Moskauer Politik wieder stärker an.

In Indien wurde die Aufspaltung der KP in eine prochinesische und eine prosowjetische Partei besiegelt. Auch unter den überwiegend moskautreuen arabischen Kommunisten wurde Peking aktiv; im Libanon tat sich unter dem großspurigen Namen „Partei der sozialistischen Revolution“ eine Pro-Peking-Fraktion auf. In Ceylon, wo die KP seit längerer Zeit gespalten ist, sah sich die (schwächere) Pro-Moskau-Partei zu dem grotesken Schritt genötigt, die (stärkere) Pro-Peking-Partei zu bitten, wenigstens ein gemeinsames Wahlbündnis abzuschließen. In der Mongolei, die bisher treu zu Moskau hielt, zeugt der jüngste Ausschluß von drei Zentralkomitee-Mitgliedern, die als „parteifeindliche Gruppe“ bezeichnet wurden, von Widerständen gegen den Moskauer Kurs der Parteiführung.

Ende Dezember schließlich fand unter Moskauer Schirmherrschaft eine Konferenz der kommunistischen Parteien Lateinamerikas statt, die in einer Erklärung offen von „Spaltungsgefahr“ sprachen, die Pekinger Fraktionstätigkeit verurteilten und „energische Schritte zur Sicherung der Einheit der Kommunistischen Weltbewegung“ verlangten. Die demonstrative Rückberufung aller kubanischen Studenten aus Rumänien zeigte Mitte Januar zusätzliche Spannungen im Weltkommunismus auf.

All dies ist nicht eben ein erfolgversprechender Auftakt für die Konferenz der 26 kommunistischen Parteien, die am 1. März in Moskau zusammentreten soll, um das vom Kreml gewünschte Weltkonzil vorzubereiten. Moskau besteht auf der Abhaltung dieser Konferenz, da die Sowjetführer offenbar immer noch glauben, es sei möglich, wichtige Probleme durch organisatorische Maßnahmen zu lösen, tiefgehende ideologische und politische Gegensätze durch einen Kongreß aus der Welt zu schaffen. Außerdem kann Moskau jetzt nicht mehr zurück. Zweimal schon ist die 26er Konferenz verschoben worden. Zunächst sollte die Vorbereitungskonferenz nach Moskaus Wunsch im Mai 1964 und das kommunistische Weltkonzil spätestens im Herbst 1964 stattfinden. Am 10. August 1964 aber wurden neue Termine bekanntgegeben: Die 26er Konferenz sollte nun erst am 15. Dezember zusammentreten, das Weltkonzil im Sommer 1965. Nach der am 12. Dezember 1964 veröffentlichten Version ist die Vorbereitungskonferenz nun für den 1. März 1965 einberufen. Für das Weltkonzil wird überhaupt kein Termin mehr genannt.