Das Francis-Durbridge-Festival liegt hinter uns; Joloff und Krüger schmachten im Kerker; der Alltag ist zurückgekehrt. Die Täter wurden entlarvt, die Diskussionen nehmen kein Ende. Wie immer, blieb vieles offen am Schluß, Durbridge ist, Gott sei’s geklagt, kein Hercule Poirot, er macht es sich leicht und bemüht seine grauen Zellen nicht über Gebühr. Vier volle Stunden lang wird mit Motiven gegaukelt, wird angedeutet und aus olympischen Höhen geflüstert, doch wenn’s dann an die Auflösung geht, begnügt sich der Zauberkünstler mit einem vagen Hinweis auf jenen mysteriösen Code, der angeblich die ausgestreuten Steine in schöner, Mosaikform vereint. Der Zuschauer fühlt sich betrogen, ein Zweiminuten-small-talk ersetzt nicht die große Rekapitulation, das Aspekt-Umkehren am Kriminalromanschluß; die Beziehungen zwischen den Schurken blieben verborgen; Psychologie ist nicht Durbridges Metier. Ein wenig mehr Redlichkeit wäre vonnöten.

So leichtfertig-smart der Verfasser, so grandios die Regie. Paul May machte den Reißer zu einem witzigen Spiel: Chargierend und übertreibend verwandelte er Durbridgens Thriller in eine Groteske unter dem Titel: „So ernst ist das Ganze nun auch wieder nicht.“ Ich bin sicher, daß man im Studio herzhaft gelacht hat: Wer ausschied, hatte im Tode mit stereotyper Bewegung den Arm auszustrecken und seine Puppenaugen auf die Linsen zu richten. Die Schauspieler, ein glänzendes Team, zeigten sich, geistreich und präzise markierend, über die von ihnen zitierten Figuren belustigt: so Benno Hoffmann, der just in dem Augenblick eine Leitung anzapfte, sekundengenau, da das Opfer sein fatales Telephongespräch führte; so Quest, der als größter lebender Durbridge-Experte sein Hündchen mit der misogynen Grazie eines Oskar-Wilde-Nachfahren trug; so Bum Krüger („sagt, kann das ein Mörder sein?“), der sich, treuherzig und tennisballschnell, als Fehlbesetzung gerierte; so Joloff mit dem Hörknopf im Ohr, der dem hinterbliebenen Bruder demonstrativ seinen schottischen Maßanzug zeigte: Durbridge will das so, sagte das Lächeln, mir, Friedrich Joloff, scheint diese Szene freilich zu dick...

Und dann, über allem, der unvergleichliche Lieven: Archetypus des Gentleman, in Kleidung und Diktion nach Oxbridge-Maßen geformt, mit zartem Understatement die Mörder-Listen ergänzend, elegisch und vornehm... ganz wie ein Gutsherr alter Schule gab er sich, und wenn er die Brille putzte und die Gläser anhauchte, dann konnte es nicht mehr zweifelhaft sein, daß er am abendlichen Kamin nicht Durbridge, sondern Homer lesen würde.

Die Weisheit eines aristokratischen Hausarztes mit der sanften Noblesse des stoischen Weidmanns vereinend, der viel versteht und alles weiß, verdiente sich Lieven in dieser Woche den Titel Sir Albert.

Glücklich Frau Altrichter, die sich zwischen Achselhöhle, Ellenbeuge und zur Hüfte gestemmter Hand eines solchen Manns porträtiert sah; glücklich das junge Paar, der Modephotograph und die sympathisch-verdächtige Schreibkraft, denen es das Ingenium dieses ironischen und in kostbare Tuche gekleideten Gottes erlaubte, schon so bald nach dem Tode des Bruders an Hochzeitsfreuden zu denken.

Hermes aus Albion, der Regie und allen Akteuren sei Dank. Momos