Winston Churchill war ein großer Kämpfer, aber kein großer Hasser, was ihn von Bismarck unterscheidet, der beides war. So glaube ich nicht, daß er Deutschland je eigentlich gehaßt hat, auch in den schwärzesten Stunden nicht. Für den Kaiser Wilhelm empfand er eine freundliche Schwäche. Der Royalist und Romantiker gab den Königen jederzeit etwas vor; der historische Künstler fühlte sich vom historischen Künstler auch in weniger gelungener Form angezogen. 1940 bot er dem Kaiser ein ehrenvolles Asyl in England an. Über Ludendorff hat er einen Aufsatz geschrieben, der seine Bewunderung für das Sachkönnen wie für den tragischen Starrsinn des Mannes nicht verbarg. Alles oder nichts zu wollen war närrisch, aber in diesem Fall schien es ihm Statur zu haben; mehr vielleicht, als es wirklich hatte.

Manches im deutschen Wesen und Erscheinen seiner Zeit heimelte ihn an: der Ernst und Fleiß; die schönen alten Städtchen des Frankenlandes; der militärische Pomp; das Konservative überhaupt. Noch mehr lag ihm Habsburg-Österreich. In „The Unknown War“ beschreibt er das Sterben Franz Josephs, so als sei er selber trauernd dabei gewesen. Daß er den Präsidenten Benesch als einen der Zerstörer der Donau-Monarchie verachtete, weiß ich; in seinen Schriften wird es nur angedeutet.

Gehaßt bis in den Tod und mit der ganzen Kraft seiner generösen Seele hat er nur einen Menschen. Dieser eine war richtig gewählt. Es ist der, den er in einer seiner Reden vom Sommer 1940 – ich muß nach dem Gedächtnis zitieren – so beschrieb: „That wicked man, that repository and embodiment of so many soul-destroying hatreds, that monstrous product of former wrong and shame ...“ Weil aber Deutschland sich tiefer und tiefer mit diesem Einen identifizierte oder zu identifizieren schien, weil der Krieg lange dauerte und aus dem besetzten Europa die schlimmsten Nachrichten nach London kamen, weil Winston Churchill zeitweise müde und übernommen war, so hat er in den letzten Kriegsjahren Dinge geduldet und, auch Dinge gesagt, die ihm nicht zum Ruhm gereichen. Das muß erwähnt werden. Sobald das Ende in Sicht war, wachte er auf und war wieder ganz er selber: schon in Jalta, erst recht in Potsdam.

War er glücklich im Sieg? Ich glaube es nicht; selbst dann nicht, wenn er zu Hause die Wahlen gewonnen hätte. Er lebte den Kampf, nicht. Sieg, der, immer etwas Beschämendes hat und neue, weniger eindeutige, weniger heroische Gefahren mit sich bringt. Am größten war er in der Niederlage.

Gleich nach dem Waffenstillstand von 1918 schlug er vor, ein halbes Dutzend Schiffe mit Nahrungsmitteln nach Hamburg zu schicken. Die Blockade als Kriegswaffe, ja; aber nun kamen die hungernden Kinder ihm in den Sinn. Nach 1945 waren die großen Kriegsverbrecherprozesse ihm widerwärtig. Für die Verteidigung eines deutschen Generals steuerte er Geld bei. Er betrieb die Entlassung Neuraths aus dem Zuchthaus – „he has my sympathy“.

Die Menschen hatten seine Sympathie, alle Völker: Amerika, Frankreich, Deutschland, Polen, Rußland, Japan. Ein großer Staatsmann muß ruchlos sein können, und das war er zu Zeiten; aber kein anderer hat Ruchlosigkeit und Edelmut so verbunden.

Ich erinnere mich an eine unbedeutende Episode aus dem Sommer 1940, welche die deutschen Emigranten anging. Damals waren sie interniert, in England wie in Frankreich. In Frankreich wurden sie ziemlich schlecht und ohne jedes Verständnis behandelt, in England etwas besser. Das eine erlösende Wort kam von Churchill: Er wisse wohl, daß man Deutsche habe verhaften müssen, die Hitler so glühend haßten wie er selber, und bedauere es; man werde dies Problem zu lösen versuchen, sobald Zeit dafür sei, aber jetzt sei Dringenderes zu tun – dies inmitten des französischen Zusammenbruchs, in einer Rede, die von ganz anderem handelte.