DIE ALTEN ZEITEN SIND VORBEI Musical von Frank Norman und Lionel Bart Deutsch von Peter Zadek und Karl Wesseler Theater am Goetheplatz, Bremen

Zum zweitenmal hat Peter Zadek das Ensemble eines Stadt- (oder Staats-)Theaters eingespannt, um auf ihm die Hohe Schule reinen Theaters zu reiten. Englisch-amerikanische Musicals setzen Perfektion und Vielseitigkeit jedes einzelnen Darstellers voraus; in Deutschland sind vorläufig nur Näherungswerte zu erreichen. Auch sprachliche Substanzen (Cockney) bleiben unübersetzbar. Um so bemerkenswerter sind Initiative und Leistung der unruhigen Bremer Theatermannschaft.

Aber „Hohe Schule“? Bildungsfreudige Abonnenten werden mit dem Finger auf das Personal weisen, das da mit der Arroganz der Selbstverständlichkeit singt und tanzt und – sprechend – zuweilen brüllt. Gangster und Huren, Diebe und Glücksspieler, Halbstarke und Pennbrüder sind es, unter denen wohl einmal ein Polizist auftaucht, der jedoch für Prozente durch die Finger sieht. Joan Littlewood, die dieses Musical unter dem Originaltitel „Fings ain’t wot they used t’be“ vor sechs Jahren mit ihrem Londoner Theatre Workshop herausbrachte, sieht in dem Erstlingsszenarium von Frank Norman immerhin die Befreiung des volkstümlichen Theaters von unwahren, für das bürgerliche Gesellschaftsstück klischierten „Volksgestalten“. Und die Littlewood weiß, was sie tut: Westdeutschland lernt augenblicklich auf einer Tournee mit „O what a lovely war“ das politisch-gesellschaftliche Engagement dieser Revolutionärin im englischen Theater kennen.

Nein, mit nach Hause nehmen kann man auch aus der zweiten Bremer Musical-Aufführung nichts – falls die Erinnerung an einige (in der Premiere noch zu gedehnte) Stunden artistisch hochgewirbelten Spaßvergnügens nichts ist. Eine Story läßt sich nicht erzählen. Das angestrebte Comeback eines Gangsters als Spielhöllenwirt – Fred, „Der Schützer von Soho“ (mit seiner „Zuckerschnalle“ Lily) –, das ist wirklich „nichts“, nur ein Spielanlaß. Von den siebzehn Songs bleiben einige schon eher im Ohre hängen. Für die von Bart zwischen bot und sweet ausgependelte Schlagerrevue hatte Bremen diesmal eine smarte Jazzband unter Peter Starkes Leitung zur Verfügung.

Nach darstellerischen Einzelleistungen zu fahnden, wäre sinnlos. Helmuth Erfurth und Katharina Tüschen ragen in den Hauptpartien natürlich hervor. Auch Konstantin Paloff, der heisere Michael Paryla und in einer Schwulen-Studie Alois Strempel fallen auf. Sie geflissentlich hervorzuheben, erscheint jedoch beinahe ungerecht angesichts des dreifachen Saltos rückwärts, den da jemand aus dem Ballett so nebenbei dreht. Große Theaterwirkung geht von Kleindarstellern aus.

Zadek, der Erfindungsreiche, hatte seine Phantasie diesmal in Form gebracht. In dem Londoner Gastchoreographen Tutte Lemkow stand ihm ein Kompagnon von Rang und Präzision zur Seite. Was Ballett, Chor und Gruppen sehen ließen, oft nur momentweise, war so brillant wie frappant. Wilfried Minks’ Szenerien holten Soho an die Weser. Der Abend glich einer Durchbruchsschlacht fürs Musical. Man hatte gleichsam mit einem Finale begonnen und erntete nach fünf Minuten den ersten tosenden Applaus. Zwischendurch ging’s dann manchmal lahmer zu. Doch als Helmuth Erfurth bei einem Song die Premierengäste zum Nachsingen aufforderte, hatte er eine Wette gewonnen: Bremen sang mit.

Johannes Jacobi