Von Alex Natan

Seitdem der unselige J. J. Winckelmann vor 200 Jahren eine Ästhetik griechischer Kunst versucht und von „edler Einfalt und stiller Größe“ gesprochen hat, ist die Beschäftigung mit dem klassischen Hellas zu einer besonderen deutschen Vorliebe geworden. Genauso wie Winckelmann aus der geringen Kenntnis griechischer Kunst, die er zu seiner Zeit haben konnte, falsche Schlüsse zog, so ist auch die Interpretation hellenischer Kultur in Deutschland sehr oft verfälscht worden. Man vergißt dort viel zu oft, daß englische Archäologen und Hellenisten ganz bedeutende Arbeit geleistet und daß die Engländer das moderne Griechenland geschaffen haben. Die tragischen Folgen dieser intensiven Beschäftigung mit vermeintlichen hellenischen Idealen, die einen wesentlichen Teil der deutschen Literatur seit den Tagen Winckelmanns umfaßt, hat zu der Identifizierung eines idealen Deutschlands mit dem klassischen Griechenland deutscher Einbildung geführt. Ein englisches Buch von höchstem Wert „The Tyranny of Greece over Germany“ hat sich mit diesem Problem auseinandergesetzt. Es ist kaum überraschend, daß dieses Buch niemals eine deutsche Übersetzung gefunden hat.

Ein weiteres Ergebnis dieser metaphysischen Gleichsetzung war jener Altphilologe unter den deutschen Oberlehrern, der mit weltfremdem Idealismus eine Deutung der klassischen Welt zu geben pflegte, die zumeist den Ergebnissen der Forschung nicht standhielt. Als der moderne Sport zu einer Weltmacht wurde, wiederholte sich das gleiche Phänomen. Obwohl er nicht das geringste mit der Pflege der klassischen Leibesübungen zu tun hat – soziale, ökonomische und politische Bedingungen verbieten dies ab ovo –, wurde das griechische Ideal innerhalb der deutschen Sportideologie in den Vordergrund gerückt, eine ideologische Flucht, die fast ausschließlich auf Deutschland beschränkt geblieben ist. Die Schuld an dieser Verwirrung der Gedanken trug nicht zuletzt Carl Diem, der ein ausgezeichneter Organisator war, aber als Denker höchst zweifelhafte Interpretationen antiker Leibesübungen gegeben hat und Beziehungen zum modernen Sport herzustellen versuchte, die einfach nicht existieren.

Es ist deswegen eine geistige Erholung, ein Buch zu lesen, in dem weder de Coubertin noch Carl Diem zitiert werden. Es stammt aus der Feder eines bedeutenden englischen Graecisten, H. A. Harris, Professor der Klassischen Literatur, und heißt „Greek Athletes and Athletics“ (Hutchinson 35sh). Harris ist selbst begeisteter Leichtathlet, der umfassende Kenntnisse vom modernen Sport besitzt. Obwohl Harris in seinem Vorwort seine Dankesschuld an deutsche Forscher wie J. H. Krause und J. Jüthner anerkennt, schreibt er dann den Satz, der im Originaltext zitiert werden soll: „The Germans keep their Greek and their Athletics well apart, and show more industry in assembling material from the sources than inspiration interpreting it.“ Harris stellt fest, daß die meisten Übersetzungen der uns, bekannten sportlichen, altgriechischen Texte ungenau sind und ihre vorherrschenden Deutungen höchst fragwürdiger Natur. „Es existiert keinerlei Beweis, daß es in Hellas jemals ein Bedürfnis. nach tatsächlichen Berichten zeitgenössischer Sportereignisse gegeben hat; der Zeitgeschmack war ausschließlich auf die Sportfabel abgestellt.“ Harris ist deswegen skeptisch, wie weit man Dichtern trauen dürfte, deren Existenz reichlich mythisch geblieben ist. Erst wenn der Sport historisch dokumentiert ist, stellt es sich sofort heraus, daß alle Teilnehmer Berufssportler im modernen Sinn gewesen sind. Harris weist darauf hin, wie wenig Pindar und Bacchylides über sportliche Technik zu sagen haben und wie täuschend jene Beweise sein können, die wir dem Studium griechischer Vasen entnehmen. „Maler, die so wenig Verständnis für die fundamentale Anordnung der Körperbewegung besitzen, können schwerlich als verläßliche Autoritäten für die feineren Einzelheiten der athletischen Technik angesehen werden.“ Mit Recht unterstreicht Harris die Tatsache, daß der Diskuswerfer des Myron mehr Kontroverse als Aufklärung verursacht hat.

Harris wirkt hoch aktuell, wenn er den Nachweis führt, daß es Unsinn ist, die Griechen als Vorbilder reinsten Amateurismus im Sport hinzustellen. Er bringt Beweise, daß die meisten Teilnehmer den reichen Klassen entstammten – (man sollte nicht vergessen, daß wahrscheinlich achtzig Prozent aller Einwohner Sklaven waren und nicht teilnahmeberechtigt) – oder von reichen Snobs finanziert wurden. Er stellt auch aus seinen Quellen fest, was ein olympischer Sieg einbrachte. Nicht das Silberne Lorbeerblatt einer Stadtrepublik, sondern Geld und eine lebenslängliche Pension. Allerdings hat auch kein Athlet, mit der Ausnahme von Theogenes von Thasos, den Sport zum Hauptberuf gemacht, eben weil die Griechen es verstanden hatten, eine gesunde Balance zwischen Sport und wichtigeren Beschäftigungen zu finden. Es ist auch höchst aktuell, wenn man liest, daß das politische Prestige eine sehr wichtige Rolle spielte. Unter den bekannten Siegern des 5. Jahrhunderts gab es nur vier Athener, weil Athen, gemäß Xenophon, den Spartanern körperlich nicht gewachsen war, während Sokrates die Athener deswegen lobt, weil sie den Schiedsrichtern besser als alle anderen Griechen gehorcht hätten.

Die uns zur Verfügung stehenden Beweise über Ablauf und Technik klassischer Athletik sind sehr dürftig und warnen vor übertriebenen Höhenflügen, Das letzte Kapitel dieses ausgezeichneten Buches, das sine ira sed cum multo studio geschrieben worden ist, untersucht den klassischen Sport in seiner Beziehung und Bedeutung für unseren modernen Sport. Es ist ein Juwel gesunden Menschenverstandes, der den Sport weder als Wissenschaft noch als Ideologie gelten lassen will, sondern nur als einen integralen Bestandteil des täglichen Lebens.