Während Charles de Gaulle sich rüstete, Professor Ludwig Erhard auf Schloß Rambouillet zu empfangen, begrüßte der Bundesminister für Familie und Jugend, Dr. Bruno Heck, in Bonn seinen französischen Kollegen, den Staatssekretär für Jugend und Sport, Maurice Herzog, zu einer Arbeitsbesprechung. Vor dem Aufbruch zum Flughafen ließ sich der schlanke, braungebrannte Mann, der im Pariser Kabinett Sitz und Stimme hat, ein paar Fragen stellen. „Ist der deutsch-französische Vertrag das Ende einer ‚Liebesaffäre‘ zwischen zwei alten Herren oder der Anfang einer neuen Begegnung zwischen zwei großen Völkern?“

Der Franzose, selber eher ein junger Mann als ein älterer Herr, meint, daß die beiden Staatsmänner, Konrad Adenauer und Charles de Gaulle, durch ihre Abmachungen nur die Empfindungen der beiden Völker artikuliert hätten. Wie sehr die Substanz dieses Vertrages aber Herzenssache der Menschen in beiden Ländern sei, beweise der außergewöhnliche Erfolg des deutsch-französischen Jugendwerks, zu dessen weiterer Entwicklung er durch seinen Besuch in Bonn einiges beizutragen hoffe.

„Nach einer Auskunft des Bundesministers für Familie und Jugend sind sich durch Vermittlung des Jugendwerks im vergangenen Jahr fast 300 000 junge Menschen aus beiden Ländern begegnet. Trifft es zu, daß bei einer Analyse der Zahlen die Bewegungsbilanz zwischen den beiden Ländern nicht ausbalanciert ist?“

Maurice Herzog möchte die aus dem ökonomischen Bereich bezogenen Begriffe Bilanz und Balance nicht gelten lassen, wenngleich er einräumt, daß mehr junge Deutsche nach Frankreich kommen als umgekehrt, was aber wiederum nicht verwunderlich sei, denn jeder Mensch, die Deutschen wie die Franzosen, strebten der Sonne, dem Süden, zu. Er vergißt aber nicht zu erwähnen, daß fast doppelt soviel Franzosen nach Deutschland reisen als nach England, und gleichfalls zweimal mehr Deutsche Frankreich besuchen als die britischen Inseln.

„Minister Heck sagte vor ein paar Monaten, die Franzosen seien zwar neugierig auf die Deutschen, aber nicht so neugierig auf Deutschland.“

Nach einigen Augenblicken des Nachdenkens stimmt der Franzose dieser Unterscheidung zu, um sie sogleich damit zu begründen, das mißverstandene „Image“ Deutschlands stehe seiner Attraktionsfähigkeit im Wege. Jedes Land präsentiere sich den anderen Ländern zunächst einmal mit den Vorurteilen, die sein Bild prägen:

„Deutschland ist für die Franzosen ein Land der Fabriken...“