Die offizielle Begründung des Zentralbankrates der Deutschen Bundesbank für die Diskonterhöhung von 3 auf 3,5 Prozent mit konjunkturellen Überhitzungserscheinungen ist weitgehend auf Skepsis und Unglauben gestoßen. Die Heraufsetzung des Zinsrichtsatzes wird allgemein als zu gering beurteilt, um gerade auf dem Gebiet Wirkungen zu erzielen, das beeinflußt werden soll.

In der Tat erscheinen Zeitpunkt und Umfang der Maßnahme wenig glücklich gewählt. Die Investitionskonjunktur läuft seit vielen Monaten auf vollen Touren, ohne daß die Bundesbank die Möglichkeit einer Steuerung hatte, ohne daß es aber auch zu einer konjunkturellen Explosion gekommen wäre. Bedenkliche Steigerungen bei den industriellen Erzeugerpreisen sind zwar vorhanden; die Beschleunigung der Preiserhöhungen gegenüber früheren Jahren beruht aber im wesentlichen auf steigenden Weltrohstoffpreisen, die einer Beeinflussung durch die Bundesbank entzogen sind.

Man kann sicher nicht darüber hinwegsehen, daß das Klima für einen Preisauftrieb durch die anhaltende Nachfrage und den leergefegten Arbeitsmarkt „besser“ geworden ist. Die Arbeitgeber sind bei den unverändert guten Absatzchancen kaum geneigt, den Forderungen der Gewerkschaften nachhaltigen Widerstand entgegenzusetzen. Aber es gibt auch fundierte Meinungen, daß die Konjunktur bereits auf ihrem Höhepunkt angelangt sei und manche Zeichen eher für eine Abschwächung als für eine Überhitzung sprechen.

So bleibt die Frage offen, ob die Diskonterhöhung notwendig und richtig war. Alle Beteiligten, auch der Zentralbankrat selbst sind sich einig, daß die materiellen Auswirkungen einer halbprozentigen Diskonterhöhung gering sind. Die Unternehmer sind angesichts des Arbeitskräftemangels und der Nachfragesituation gezwungen, weiter zu investieren. Die Verteuerung des Zinses um ein halbes Prozent, soweit es sie überhaupt trifft, wird sie kaum abschrecken. Der Zentralbankrat wird diese Überlegung auch in seine Kalkulationen einbezogen haben. Es wäre wenig sinnvoll, die Nachfrage auf dem Investitionsgütermarkt zurückzudämmen und damit im längere Sicht auch das Angebot auf dem Konsumgütersektor einzuschränken, wenn gleichzeitig die Nachfrage auf diesem Gebiet ungehindert weiter wächst. Damit würde man bestenfalls neue Preissteigerungen provozieren, die man ja – gerade in einem Wahljahr – verhindern will.

Bereits im vergangenen Jahr hatte die Bundesbank versucht, die Konjunktur in den Griff zu bekommen. Mit Hilfe der quantitativen Maßnahmen der Mindestreserveerhöhung und der Kürzung der Rediskontkontingente bei der Bundesbank sollten die Möglichkeiten der Banken für die Kreditvergabe verkleinert werden. Ausländisches Geld wurde vom Kapitalmarkt durch die Ankündigung einer Kapitalertragssteuer für Ausander abgeschreckt. Ob allerdings der relativ gemäßigte Verlauf der Konjunktur im vergangenen Jahr auf diese Maßnahmen zurückzuführen ist, läßt sich ebensowenig beweisen wie das Gegenteil.

Mit dem Zins zu operieren, war der Bundesbank damals versagt, weil jede Anhebung des deutschen Zinses auf Grund des niedrigeren Zinsniveaus im Ausland sofort Geldzuflüsse aus dem Ausland und damit ein Ungleichgewicht der Zahlungsbilanz heraufbeschworen hätte. Erst die Erhöhung des amerikanischen und des englischen Diskontsatzes gab der Bundesbank den Spielraum, den sie jetzt wenigstens teilweise ausgenutzt hat. Weniger der Diskontsatz selbst, sondern der am Diskontsatz orientierte Zins für Offenmarktpapiere, die die Bundesbank den Banken anbietet, gibt ihr einen Einfluß auf die Liquidität und damit die Kreditgewährung der Banken.

Die Sätze für diese Offenmarktpapiere, die bisher bei niedrigen Zinsen als Anlage für die Banken wenig attraktiv waren, wurden zum Teil stärker erhöht als der Diskontsatz, so daß sie für die Banken wieder reizvoll werden. So gesehen, ist die Diskonterhöhung eine nachgeholte Ergänzung der Maßnahmen vom vergangenen Jahr.