Mit der Eröffnung der Vogelfluglinie sind die technischen Voraussetzungen gegeben für das Zueinanderrücken in Europa – so oder ähnlich klingen mir noch die Ohren von der Rede des Ministers, die an einem schönen Tag im letzten Mai gehalten worden ist.

Fehlen also nur noch die menschlichen Voraussetzungen.

Die Fahrzeit Stockholm–Rom sei um ... zig Stunden kürzer geworden – aber wie kurz ist sie nun eigentlich, oder wie lang?

Italia-Expreß, der Name hat es mir angetan: Von den 25 Stunden Fahrzeit Stockholm–Frankfurt bringt der „Italia“-Expreß volle fünf Stunden, das sind zwanzig Prozent, mit Herumstehen zu oder mit Rangieren. Er bewegt sich dabei im Durchschnitt mit wenig mehr als Tempo 60, das Rückwärtsfahren einberechnet. Er wird zwischen Stockholm und Basel insgesamt siebenmal auseinandergenommen und wieder zusammengesetzt mit großer Kunst. Alle Augenblicke werden teure Menschen abgehängt, die man gerade im Speisewagen zurückgelassen hat, nicht immer ist’s die Schwiegermutter. Allein durch den Umweg über die „Schnapsfähre“ von Malmö (an Stelle des direkten Weges über Heisingborg) verliert der „Italia“ zwei Stunden. Volle fünf Stunden Fahrzeit kann man sparen, wenn man die Strecke Stockholm–Frankfurt in wirklich schnellen Zügen zurücklegt, mit Umsteigen in Kopenhagen und Hamburg – wenn die Anschlüsse klappen, worauf kein Verlaß ist, denn diese Züge warten nicht aufeinander, auch nicht eine halbe Stunde lang.

Hand aufs Herz: Brauchen wir diese Sorte von Expressen wirklich, es sei denn als Stilmöbel von Reise-Tagträumen? Ingmar Bergman hat 1946 einen zu Unrecht vergessenen Film gedreht: „Durst“. Da scheitert eine ganze Ehe an nichts anderem als dem Italia-Expreß. Ich erinnere mich freilich, daß wir damals an der Behelfsbrücke über die Murg in Rastatt jeden Nachmittag warteten, wo das Weltwunder im Schrittempo passieren mußte: Und ich lasse es mir nicht nehmen, daß es Ingmar selber war, der damals auf der Reise von Milano nach København manchmal eine nur halb aufgegessene Praline-Schachtel uns bettelnden Kindern zuwarf, vergelt’s Gott. Und als ich jetzt vorbeifuhr, nicht gerade im Schritt, aber doch nicht sehr viel schneller, hab’ ich doch unwillkürlich nach den Kindern Ausschau gehalten: Auch dies ein Traum, ein Italia-Expreß-Albtraum.

Ist es wirklich nötig, daß man ein Spesenkonto haben muß, um mit zeitgemäßer Geschwindigkeit und Komfort „Trans-Europa-Reisen“ zu machen? Hand aufs Herz, verehrter Herr Minister: Würden Sie per TEE fahren, wenn Sie es selber zu bezahlen hätten und nicht von der Steuer absetzen könnten? Ich weiß, man kann auch in der 2. Klasse schnell befördert werden, zum Beispiel wenn man ein Auto mitbringt als Reisegepäck. Andere gekoppelte Leistungen wie obligatorischer Sektkonsum in wirklich schnellen Zügen wären denkbar. Geht es über die menschlichen Möglichkeiten unseres Kontinents, einen Triebwagenzug mit Schlafabteilen 2. Klasse, Speise- und Rauchsalon von Stockholm nach Rom rollen zu lisssen im Tempo 100, Aufenthalte inklusive? Wenn das wirklich unmöglich ist, dann bitte mehr Landerechte für Scandinavian Airlines auf deutschen Flugplätzen. Peter Mörser