An die Künste eines Wünschelrutengängers erinnert die Fähigkeit verschiedener Schlupfwespen, Insektenlarven aufzuspüren, die zentimetertief im gesunden Holz von Baumstämmen verborgen sind. Die Wespen laufen auf dem Holz hin und her, bleiben plötzlich stehen, verbessern ihre Position noch ein wenig, stoßen dann ihren Legebohrer schnell bis zu 7,4 Zentimeter tief hinein und treffen die Larve haargenau. Dort legen sie dann ihre Eier ab.

Erstes Licht auf diese rätselhaften Sinne werfen jetzt Beobachtungen des amerikanischen Insektenforschers Dr. H. Heatwole: Wenn ein Wespenweibchen einer der drei Megarhyssa-Arten das Larvenstadium im Inneren des Holzes vollendet hat und dabei ist, sich nach draußen durchzuarbeiten, finden sich an der voraussichtlichen Ausbruchstelle bereits heiratslustige Wespenmännchen ein, und zwar aller drei Arten. Sie werden durch das Kaugeräusch des holzzerknirschenden Weibchens angelockt.

Dabei können allerdings auch Irrtümer entstehen. Der Zoologe beobachtete wartende Wespenmännchen, denen dann ein hervorbrechender Käfer „guten Tag sagte“. Erscheint jedoch ein Wespenweibchen, können die Wartenden an geruchlichen, optischen und taktilen Merkmalen seine Artzugehörigkeit feststellen, und nur das passende Männchen vollzieht die Kopulation.

Nach dieser Entdeckung ist es sehr wahrscheinlich, daß auch weibliche Schlupfwespen ihre Opfer im Holz mit Hilfe ihres „Horchgeräts“ aufspüren. Ihre „Ohren“ sitzen übrigens an allen sechs Füßen und bestehen aus vibrationsempfindlichen Sinnesnervenzellen. Eine geruchliche Orientierung mag außerdem eine Rolle zur Vermeidung von Irrtümern spielen. Diese sind beim Geschäft des Eierlegens viel schwerwiegender als bei der Brautschau der Männchen. Denn ein Ei in einer Bockkäferlarve statt in einer Holzwespenlarve würde entweder den Wirt vorzeitig töten oder vom Wirt getötet werden. So können die holzbohrenden Schlupfwespen am Geruch ihr ganz spezielles Opfer erkennen und dieses dann mit Hilfe des „Horchgeräts“ orten.

Gegen dieses raffinierte System scheinen aber verschiedene Insektenlarven ein Gegenmittel zu besitzen. Sobald die im Holz rumorenden Larven das Bohrgeräusch des Wespenstachels wahrnehmen, verhalten sie sich absolut still. Dr. Heatwole konnte feststellen, daß die Treffsicherheit der Schlupfwespen dann erheblich geringer wird. V. D.