London, im Januar

Daß für einen britischen Premierminister nach hundert Tagen die „Schonfrist“ abläuft – dies hat Harold Wilson wahrhaftig drastisch zu spüren bekommen. Bei zwei wichtigen Nachwahlen erlitt Labour Stimmenverluste. Im Wahlkreis Leyton waren sie so stark, daß Außenminister Walker, der im Herbst schon in Smethwick gescheitert war, nun auch hier von seinen Tory-Gegnern geschlagen wurde. Für die Regierung war das ein bitterer Verlust.

Die Regierungsumbildung nach der Niederlage von Patrick Gordon Walker in Leyton und nach dem zweifelhaften Wahlerfolg von Frank Cousins in Nuneaton hat die Rechts-Schattierung des Kabinetts verstärkt. Michael Stewart, der neue Außenminister, ist ebensowenig ein roter Revolutionär wie Gordon Walker: ja, er ist wahrscheinlich geneigter als sein Vorgänger, die Existenz- und Wirkungssphäre Großbritanniens in Europa zu suchen – und nicht östlich von Suez. Es ist immerhin interessant, daß sich der Premierminister einen Mann aussuchte, der nie zu den Labour-Streitern gegen die EWG-Eingliederung gehörte. Die Ernennung von Anthony Crosland zum Erziehungsminister und seine Erhebung in den Kabinettsrang war eine weitere kalte Dusche für die linke Linke.

Das erstaunlich wankelmütige Verhalten britischer Wähler ist ein politisches Symptom, das sich auf die Dauer nicht übersehen läßt. Liegt es daran, daß die Labour-Partei in ihrer gegenwärtigen Gestalt und Zusammensetzung die Wählermassen nicht mehr binden kann? Es heißt, sie müsse ihren antiquierten Sozialisierungswahn überwinden und einen „Konsensus der Mitte“ anstreben, wenn nicht gar eine „radikale Allianz“ mit den Liberalen.

Nach den Herbstwahlen lehnte Harold Wilson jeden Pakt mit den Liberalen ab. Aber welche parlamentarische Bewegungsfreiheit hat er nach Leyton noch? Ein so wesentliches Schaustück sozialistischer Gesetzgebung wie die Verstaatlichung der Stahlindustrie kann nicht über die Bühne gehen, weil der Führer der Liberalen dagegen ist und zumindest zwei sozialistische Abgeordnete (Wyatt und Donnelly) sich dieser Meinung anschließen und gegebenenfalls trotz Fraktionszwang gegen ihre eigene Partei stimmen würden. Bei einer Mehrheit von zwei Sitzen aber kann man sich zwei Dissidenten nicht leisten.

Die Regierung hängt also von der Duldung der Liberalen ab, und die Frage, ob die britischen Sozialisten ihr Heil auf dem Weg zum „Konsensus der Mitte“ suchen müssen, gewinnt entscheidende Bedeutung. Die Schwierigkeiten, die sich der Partei auf dem „langen Marsch zur Mitte“ in den Weg stellen, dürfen nicht unterschätzt werden. Der SPD ist er nicht leicht gefallen, und in Großbritannien wird er noch schwerer sein. Die Labour-Massen klammern sich fester an Traditionen und Überzeugungen als die Arbeiter auf dem Kontinent, und viele Menschen arbeiten in veralteten Industrien unter bedrückenden Arbeitsbedingungen.

Harold Wilson hatte schon das Fingerspitzengefühl eines Volkstribuns, als er Hugh Gaitskell gegenüber darauf bestand, man könne diesen Arbeitern nicht einfach mitteilen, der Traum der Sozialisierung sei nur noch eine geplatzte Seifenblase. Darum dürfte die Versuchung jetzt groß sein, von den Nachwahlen in der nächsten Woche den Beweis zu erhoffen, daß Leyton und Nuneaton nur zufällige, lokal bedingte Rückschläge waren.