Im dritten Stock des Krankenhauses (Innere Abteilung, bitte Ruhe!) werden die drei Märner von Schwester Philiberta empfangen. Einige Worte werden gesprochen. Die zwei unauffällig gekleideten Justizbeamten bleiben im Korridor. Sie könnten sich auf die Bank setzen, aber sie bleiben vor der Tür des Einzelzimmers stehen. Das Linoleum ist spiegelblank gebohnert. Auf dem Fensterbrett steht eine grüne Pflanze. Niemand weiß, wie sie in diesem Gemisch aus Lysol- und Gemüsegerüchen gedeihen kann. Die chromblitzende, leere Tragbahre auf Rollen wartet, die Füße zur Seite gekehrt, daß sich in einem der Zimmer etwas verändert.

Der Besucher setzt sich behutsam ans Bett der sterbenden Frau. Sie ist noch keine fünfzig, aber sie hat in den letzten Jahren so viele Schmerzen ausgehalten, daß ihre Augäpfel in den Höhlen geschrumpft sind. Wie geht’s dir denn, du siehst besser aus, sagt sie und hält die Hand ihres Mannes zärtlich fest. Du hast dich schon etwas erholt, nicht wahr. Am Schluß der Sätze hat sie nicht mehr genügend Atem. Es war eben doch zuviel, sagt sie, meine Pflege ganz allein all die Monate. Der Mann antwortet nicht, er tätschelt ihre Hand, die fahl aus dem gelbrosa Ärmel ragt. Er räuspert sich. Ich hab’s mir überlegt, sagt er, wenn dir’s erst besser geht, nehme ich mir Urlaub, und wir fahren ans Meer. Das mit dem Gebirge ist nichts. Auch von den Hühnern sprechen sie, die sie sich anschaffen wollen (die braunen Wyandotts legen weniger, sind aber fleischiger), und vom Bezug fürs Wohnzimmersofa.

Die Frau möchte wissen, wie denn die Verköstigung ist in der Klinik, in die man ihn gebracht hat. Sie wünscht, daß die Nonne hinausginge, weil im Alleinsein Worte und Händedruck, eine andere Bedeutung annähmen. Darum sagt sie schuldbewußt, daß Schwester Philiberta immer so gut zu ihr sei. Der Mann schaut mit ausdruckslosem Gesicht zu der Nonne hinüber, die sich am Waschtisch zu schaffen macht. Ihr Rock schwingt, die rauhe Stoffhülle, die sie umgibt, scheint zu prall aufgeblasen, das gibt ihren Bewegungen die schwebende Leichtigkeit.

Ob sie überhaupt verstanden hat, was die Justizbeamten vorhin gesagt haben, denkt der Mann. Daß ich an meiner sterbenden Frau einen Mordversuch begangen habe, vierzehn Schlaftabletten habe ich ihr gegeben, weil ich es nicht mehr mitansehen konnte, und daß sie es nicht weiß und auch nicht, daß ich danach zwei Selbstmordversuche unternommen habe.

Am Montag ist Verhandlung, das wird sie ja verstanden haben, denkt er, und daß sie mich nicht aus den Augen lassen soll. Er räuspert sich wieder. Ja, ja, sagt er, die Schwester sieht streng aus, die kriegt dich bald wieder auf die Beine. Er lächelt, sein zerknittertes Gesicht hat die Falten an falschen Stellen. Wenn die Nachbarn nicht die Eingabe für mich gemacht hätten, denkt er, hätte ich nicht herkommen dürfen. Hoffentlich klappt es bis zuletzt, und sie merkt nichts. Mein Gott, denkt er, hoffentlich klappt es die paar Tage noch, denkt er.

Schwester Philiberta wendet sich um und deutet an, daß es nun genug ist. Erst jetzt sieht, man, daß sie schon alt ist, daß aus dem feisten Gesicht mit den breiten Backenknochen schon der Totenschädel sich herausschält. Ihre Lider sind geschwollen von den Nachtwachen, ihre Lippen ein runzliger Spalt, der rechts fester zu schließen scheint als links.

Ich bin so froh, daß es ihm wieder besser geht, sagt die Frau zur Schwester. Die gibt in der Tür dem Besucher eine gepolsterte, nach Seife riechende Hand. Es wird schon alles wieder werden, sagt sie, wir wollen halt das Beste hoffen. Das sagt sie immer.