Berlin

Nicht erst seit Rosemarie Nitribitt, Frankfurts teure Tochter, ihr Leben im Dienste des Eros aushauchte, wissen wir um die Zusammenhänge zwischen Wirtschaft, Politik und Sex. Welche Dienste hat Gott Amor schon der Politik geleistet! Noch ist die Erinnerung an Dr. Dr. Tillmann nicht verblichen, noch marschiert der Evangelist Kapfinger munter in unseren Reihen mit, da erregt ein neuer Sittenskandal gemischt mit Spionage, die Gemüter. Ein Sittenskandal muß es schon sein, sonst ist die Boulevardpresse verbittert. „Bordellwirt als Spion!“ Das ist schon eine Schlagzeile, die ihr Geld wert ist.

In einer kleinen Nebenstraße des Kurfürstendamms, nach dem berühmten Heerführer Carl von Clausewitz genannt, liegt im dritten Stockwerk jenes Institut, das ebenfalls den Namen des Feldherrn im Schilde führt: die „Pension Clausewitz“. Im ersten Stockwerk des Hauses liest man auf einer dicken Kupfertafel: „Goethe-Pädagogium. Staatl. genehmigtes Abendgymnasium.“ So wird in diesem Hause der Feldherr und der Olympier geehrt.

Seit Tagen liefert die Pension Clausewitz Schlagzeilen: „Eingebaute Mikrophone, Filme, Photos, Tonbänder beschlagnahmt.“ „Listen mit prominenten Namen gefunden.“ „Akten verschwunden.“ „Werden Namen unterdrückt?“ „Ein neuer Profumo-Skandal Zur gutzahlenden Kundschaft (Zimmer inklusive Dame 120 DM) sollen, so wird hinter vorgehaltener Hand geflüstert, prominente Politiker, Schauspieler und sogar Fußballkönige gehört haben. Der Sekt an der Bar floß ab 50 DM.

Die Pension. Clausewitz scheint unter einem ungünstigen Stern zu stehen; auch die frühere Inhaberin dieses hochangesehenen Instituts verlor ihre Existenz. Ein Staatsanwalt, der es sich zum Ziel gesetzt hat, das älteste Gewerbe der Erde mit Stumpf und Stiel auszurotten, brachte die Dame zu Fall. Heinz Helmcke, der das Etablissement seit zwei Jahren führt, mußte sich bereits im November 1964 gegen ein Kuppeleiverfahren zur Wehr setzen. Gegen eine Buße von 3000 DM kam es zur Einstellung des Strafverfahrens. Dennoch blieb die Pension Clausewitz im Windschatten der Kriminalpolizei, die, angestachelt durch moralbewußte Bürger, die Pension dann und wann kontrolliert. Bei einer solchen Überprüfung kam es dann Anfang dieses Jahres zur Verhaftung von Heinz Helmcke und dessen Geschäftsführer Fritz Wussow. Der Hinweis auf den politischen Aspekt soll von einem Hamburger Geschäftsfreund, „Konsul Joschi“, stammen.

Nun überschlugen sich die Gerüchte plötzlich, und es entstand der Eindruck, als sei der Fall Wennerström eine Lappalie verglichen mit diesem Spionagesumpf. Gruppen von Presseleuten und Photographen wallfahrten, zur Clausewitzstraße 4 und zahlten Höchsthonorare für Photos der Damen und Rapporte. Die Pension hat inzwischen den Besitzer gewechselt, und die neue Inhaberin wurde – laut Meldung eines Boulevardblattes – bereits von einem Ausländer telephonisch bedroht, falls sie irgendwelche Namen nennen sollte.

Doch plötzlich sind alle Sensationen wie Seifenblasen geplatzt. Die Wirklichkeit sieht erheblich schlichter aus. Weder gibt es Photos noch Filme oder eingebaute Mikrophone. Das geheimnisvolle Tonband erwies sich als harmloser „Telephonbeantworter“ und auf der beschlagnahmten Liste mit den Namen prominenter Kundschaft finden sich allein die schlichten Personalien von Staatsanwälten und Sachbearbeitern der Kriminalpolizei, die Helmcke jetzt und in früheren Verfahren betreut haben. Kein einziger nobler Kunde konnte bisher identifiziert werden. Die bekannt gewordenen Besucher gehören der freien Wirtschaft an.