Die Bundesrepublik sei das einzige Land, schrieb die britische Wirtschaftszeitschrift „Economist“, das ohne Wissenschaft prosperierte. „In einer Zeit, in der man den industriellen Rang eines Landes vorwiegend an Qualität und Ausmaß seiner Forschung mißt, lebt und gedeiht die deutsche Industrie ungeniert von den Fähigkeiten anderer Länder: sie erzielt hohe Exportüberschüsse bei negativer Lizenzbilanz.“

In der Tat: unser Land, das noch vor wenigen Jahrzehnten unter allen Nationen die größte Zahl naturwissenschaftlicher Nobelpreisträger aufzuweisen hatte, ist zum Kostgänger der Wissenschaft anderer Staaten geworden. Wir müssen heute mehr als dreimal soviel Geld für ausländische Lizenzen ausgeben, wie wir durch den Verkauf eigener Patente einnehmen: unsere „Wissensbilanz“ ist mit 500 Millionen Mark passiv. Gewiß, die Höhe der Summe ist nicht beängstigend: allein das Volkswagenwerk holt durch seine Exporte nahezu zehnmal soviel Devisen ins Land. Aber kann das ein Trost dafür sein, daß wir heute in so hohem Maß gezwungen sind, Wissen zu importieren?

Zum erstenmal versucht nun die Bundesrepublik, sich über ihren Rückstand in Wissenschaft und Technik Rechenschaft abzulegen. Der „Bundesbericht Forschung I“, den Wissenschaftsminister Hans Lenz vorgelegt hat, bietet für jeden der zu lesen versteht auf 210 Seiten eine vernichtende Bilanz unserer Versäumnisse: heute fehlt es uns an allem, an Geld und an ausgebildeten Menschen.

Die Bundesrepublik, der drittgrößte Industriestaat der Welt, gibt für ihre Forschung wesentlich weniger Geld aus als alle vergleichbaren und manche viel kleineren Länder. Wenn man erfährt, daß 1962 Bund und Länder zusammen 3,6 Milliarden Mark für die Wissenschaft aufgewendet haben, die USA im gleichen Jahr jedoch 65 Milliarden Mark, so ist dieser Vergleich drastisch – aber angesichts der überragenden Wirtschaftskraft Amerikas wohl ungerecht. Keine Rede von Ungerechtigkeit kann jedoch mehr sein, wenn man Prozentzahlen vergleicht: die beider, Weltmächte USA und Sowjetunion geben ebenso wie Japan rund 3 Prozent ihres Sozial-Produktes für die Forschung aus, England 2,6 Prozent, Frankreich, Schweden oder die Schweiz immerhin noch zwischen 1,4 und 1,6 Prozent – die Bundesrepublik nur 1,3 Prozent.

Wir haben nicht genug Geld? Nun, immerhin waren 3,4 Milliarden Mark für die Landwirtschaft vorhanden, 2 Milliarden für den Bergbau – insgesamt 20 Milliarden Mark Subventionen.

Nach den Feststellungen des Berichts muß der Staat seine Ausgaben für die Förderung der Wissenschaft bis 1970 verdoppeln, wenn wir das internationale Niveau halten oder wieder erreichen wollen. Eile ist geboten, denn infolge unseres Bildungsrückstandes werden bald qualifizierte Kräfte fehlen: in den heranwachsenden Jahrgängen werden bei uns nur 6 von 100 ein Hochschulstudium aufnehmen, gegenüber 8 in England, 11 in Frankreich, 14 in Schweden, 32 in der Sowjetunion und 40 in den USA.

Bedauerlich, daß Minister Lenz – dem sogar das Fernsehen zur Verfügung stand – den Bericht so glanzlos vorgetragen hat. Er hätte eine Vision von einem modernen Bildungsstaat geben, er hätte eine große Diskussion entfachen müssen. Denn schließlich hängt von der Förderung der Wissenschaft unser künftiges wirtschaftliches Wachstum ab: bald können wir keine Röhren oder Werkzeugmaschinen mehr, sondern müssen elektronische Steuerungsanlagen oder Atomkraftwerke exportieren. Doch es geht nicht einmal um Wohlstand allein: von den „Investitionen für unsere Zukunft“ wird auch der geistige Rang mit bestimmt, den unser Land in der Welt von morgen einnehmen wird.

Diether Stolze