Unlängst hielt die "Gesellschaft für Wissenschaftsgeschichte" ihre erste Arbeitstagung in Münster in Westfalen ab. In dieser Gesellschaft fanden sich alle jene aufrechten deutschen und ausländischen Medizinhistoriker wieder, die sich aus Protest von der "Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaft und Technik e. V." zurückgezogen hatten. Der Streit hatte sich an der "Affäre Berg" entzündet.

Dr. Berg war 1942 in Berlin habilitiert worden. Nach dem Krieg verhielt er sich still. Er ist zwar entlastet, aber da ist noch ein Kind, das schreit: ein NS-Propagandabuch mit rassistischem Einschlag "Das Antlitz des germanischen Arztes in vier Jahrhunderten". Als Autoren sind genannt: Dr. Gottlieb und Dr. Berg, beide mit hohen SS-Graden. Dazu ein Vorwort von SS-Reichsarzt Dr. Grawitz. Das Buch selbst ist vergleichsweise harmlos. Wenn man bedenkt, was sonst geschah!

1963 hielt Dr. Berg die Zeit für gekommen, sich von Berlin nach Göttingen "umhabilitieren" zu lassen. Die Herren der Göttinger Fakultät, auch der als "Nazi-Fresser" bekannte Professor Lendle hatten keine Bedenken, sich für die Umhabilitierung Bergs einzusetzen, die "nur dazu dienen sollte, Herrn Berg wieder eine aktive Mitarbeit in seiner Fachwissenschaft zu ermöglichen".

Im Januar 1964 warf der Zürcher Ordinarius für Geschichte der Medizin, Professor Erwin H. Ackerknecht, heute amerikanischer Staatsbürger, die erste Bombe. Er warf sie nicht auf Berg, der war sehr schnell wieder verschwunden, sondern auf den Göttinger Professor Gernot Rath, damals Vorsitzender der "Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik". Ackerknecht meinte, Rath hätte die "Rehabilitierung" von Berg als zuständiger Referent verhindern müssen. Tatsächlich konnte man nachweisen, daß Rath kurze Zeit zuvor noch die "Umhabilitierung" Dr. Bergs aus politischen und wissenschaftlichen Gründen abgelehnt hatte.

Der Vorstand der genannten Gesellschaft stellte sich einmütig hinter ihren Vorsitzenden Rath. Aber anstatt zuzugeben, daß man die Ereignisse nicht vorausgesehen hatte – wer hätte gedacht, daß das Kind noch immer schrie? –, verlegte man sich auf kümmerliche Ausreden, wie die: Dr. Berg sei zur Mitautorschaft jenes NS-Propagandabuches "gezwungen" worden. Es wurde eine "Erklärung" veröffentlicht, die Rath das Vertrauen ausspricht.

Nun schreit noch ein Kind: jene "Erklärung", die inzwischen Punkt für Punkt widerlegt werden konnte. Gegen diese Erklärung wandten sich jetzt auch junge deutsche Medizinhistoriker. Ihre Briefe an den Vorsitzenden wurden entweder nicht beantwortet, oder man drohte ihnen mit gerichtlicher Verfolgung. Die Angelegenheit nahm eine unschöne, in Akademikerkreisen unübliche Wendung: Aus einer Auseinandersetzung wurde ein Machtkampf. Ein deutscher Ordinarius, der von Anfang an gegen die "Umhabilitierung" Bergs war (die in Wirklichkeit eine "Rehabilitierung" gewesen ist), wurde nun selber als "alter Nazi" bezeichnet. Nicht offen, sondern in Form von Flüsterpropaganda. Bis jener das Intrigennetz zerriß und mit vielen anderen Professoren und Privatdozenten die Gesellschaft verließ. Auch bedeutende ausländische Gelehrte traten unter Protest aus der Gesellschaft aus. Die Gesellschaft meldete: sieben Herren ausgetreten, 30 Zugänge. Man floriert. Auch Professor Temkin (USA) trat aus. Er ist nicht nur der bedeutendste Medizinhistoriker der Gegenwart, er ist auch Jude. Seine Austrittserklärung, mit der er zugleich die Ehrenmitgliedschaft der Gesellschaft niederlegte, hätte allen Mitgliedern die Augen geöffnet, denn es gibt ja keine Nazis mehr. Temkins Brief war maßvoll und zukunftsweisend. Man hätte nun lediglich bekennen sollen: Wir haben uns geirrt. Temkins Brief wurde ad acta gelegt. Man handelte nach der Devise: Ein deutscher Ordinarius kann sich nicht irren.

Das belastende Buch "Das Antlitz des germanischen Arztes in vier Jahrhunderten" ist wieder in den Schrank gestellt worden. Dieses Kind schreit nicht mehr sehr laut, denn seine beiden Autoren haben ihre Venia legendi niedergelegt. Aber das zweite Kind, jene "Erklärung", schreit noch immer. Es wird noch lange schreien. Denn der Skandal geht um die ganze Welt, wenn auch nur in Fachkreisen. Man wird die Unsauberkeit, mit der man die "Affäre Berg" aus der Welt zu schaffen versuchte, nicht vergessen. Sie wird wie ein Stachel im Fleisch der internationalen Verständigung stecken bleiben. Deshalb ist der Fall von prinzipieller Bedeutung. Die Frage lautet nun: Was muß geschehen, damit ein deutscher Ordinarius einen Irrtum zugibt? Friedrich Deich