Offener Brief an Max Horkheimer – Seite 1

Max,

auch wenn wir beide nicht jenen offiziellen Gestus verabscheuten, der von dem Wort Würdigung getroffen wird, wäre es mir nicht möglich, zu Deinem Geburtstag einen Aufsatz zu schreiben, der als objektiv sich aufspielt. In einer Freundschaft von mehr als vierzig Jahren ist unser Leben so sehr zu einem geworden, daß der Anspruch, einer vermöchte über den anderen außerhalb der Beziehung etwas zu sagen, verleugnete, was auszudrücken wäre, die gemeinsame Existenz. Nichts vermochte an ihr je zu rütteln, nichts Psychologisches, kein Wettstreit von Interessen, keine Verschiedenheit der Anlagen. An Dir habe ich Solidarität erfahren; der aus der Politik stammende Begriff ist ins Private gesickert, und dem nüchternen vertraue ich meine Dankbarkeit an, daß sie dahinter Schutz suche. Was dem Begriff Solidarität seine Gewalt über uns verlieh, ist in der Politik, mit der Möglichkeit von Spontaneität, verblaßt. In Dir überlebt die Erinnerungspur davon. Wir sind, Du und ich, gründlich frei von der Illusion, das Private, Isolierte könnte leisten, was im öffentlichen Wesen mißlang; gewiß nicht in einer Epoche, welche die Privatsphäre zu liquidieren sich anschickt. Hat aber auch diese, als Verstocktheit im Partikularen, dies Schicksal sich verdient, so mag doch die verschwindende gegenüber dem Heraufziehenden ein versöhnendes Recht erlangen. Zurückgeblieben hinter dem übermächtigen geschichtlichen Zug, verkörpert sie zugleich in ihrer Ohnmacht den Widerstand gegen jenen, gegen die totale Gewalt des Bestehenden. Ihn hat unsere Freundschaft, ohne daß wir dessen uns bewußt gewesen wären, vom ersten Tage an gemeint. Darum vermögen wir nicht, die objektive Arbeit vom Privaten säuberlich abzuspalten.

Daß Du siebzig Jahre alt sein sollst, hat etwas Unglaubhaftes. Nicht daß wir nicht gealtert wären. Aber der Impuls, der uns zusammenbrachte, lehnt sich auf gegen das Erwachsensein. Wir sind gebunden an zwei verschiedene Phasen der Kindheitsentwicklung; ich eher an die des Braven und Folgsamen, der durch Fügsamkeit die Freiheit zu selbständigem Denken und Opposition sich erkauft. Du hast etwas von dem aufsässigen, jeder regelhaften Ordnung des Lebens, abholden Halbwüchsigen behalten, der seine Renitenz zum Gedanken sublimiert. Das spricht dem Bild des Ehrengreises Hohn, das jenes Datum beschwört. Tatsächlich kommt es mir vor, als wäre es gestern gewesen, daß wir uns im Dezember 1935 in Paris, nach der einzigen Periode, in der wir uns für ein paar Jahre nicht gesehen hatten, wieder trafen. Du bezeichnetest das Institut für Sozialforschung, das Du in weiser Voraussicht über die Schweiz nach Amerika, an die Columbia Universität, gerettet hattest, als eine Gruppe junger Gelehrter, obwohl Du schon vierzig Jahre alt warst. So wenig wie damals fügst Du heute jener Gerontokratie Dich ein, die sich Gelehrtenrepublik nennt. Wohl hast Du, gleich mir, nie zur sogenannten Jugendbewegung Dich hingezogen gefühlt, nie aber auch das Moment der Hinfälligkeit im Leben verleugnet, die Naturgeschichte des Leidens, deren das Individuum im Älterwerden gewahr wird. Dagegen hast Du, soll ich es jetzt rekonstruieren, immer etwas Altersloses gehabt, das der Vorstellung unerfahrener Jugend ebenso sich versagte wie der ihr zugeordneten abgeklärter Reife. Als ich Dich im psychologischen Seminar von Adhémar Gelb zuerst sah, erschienst Du, der acht Jahre Ältere, mir kaum als Student; eher wie ein junger Herr aus wohlhabendem Haus, der der Wissenschaft ein gewisses distanziertes Interesse zollt. Du warst unversehrt von jener beruflichen Deformation des Akademikers, der gar zu leicht die Beschäftigung mit gelehrten Dingen mit der Realität verwechselt. Nur war, was Du sagtest, so gescheit, scharfsinnig und vor allem: unabhängig, daß ich Dich rasch genug als der Sphäre überlegen fühlte, aus der Du Dich unmerklich draußen hieltest. In einem anderen Seminar lasest Du ein wahrhaft glanzvolles Referat vor, ich glaube über Husserl, bei dem Du ein paar Semester studiert hattest. Spontan ging ich zu Dir und stellte mich Dir vor. Seitdem waren wir zusammen. Zu meinen frühen Eindrücken zählt der einer leise verwegenen Eleganz, die zum Gutbürgerlichen so wenig sich schickte wie zum Auftreten der anderen Studenten. Dein Gesicht jedoch war leidenschaftlich und asketisch schmal. Du sahst aus wie ein Gentleman, und wie ein Flüchtling von Geburt. Dem entsprach auch Deine Existenzform. Du hattest bald, zusammen mit Fred Pollock, ein Haus in Kronberg erworben, in dem Ihr zurückgezogen, aber mit spürbarer Abneigung gegen möblierte Zimmer wohntet.

Du kanntest nicht nur die Schwere des Lebens, sondern auch dessen Verstricktheit. Der das Triebwerk bis ins Innerste durchschaute und es anders wollte, war entschlossen und fähig, trotzdem, und ohne Kapitulation, sich zu behaupten. Dem selbsterhaltenden Prinzip kritisch auf den Grund zu sehen, und der Einsicht noch die eigene Selbsterhaltung abzwingen – dies Paradoxe stellte in Dir leibhaft sich dar. Jahrzehnte später sagtest Du in der Emigration, was ich nie vergessen konnte: wir, die Geretteten, gehörten eigentlich ins Konzentrationslager. Dies Wort steht in der tiefsten Verbundenheit mit Deiner Kraft zum Überleben. Philosophisch verwandt ist jene Paradoxie, daß Du der metaphysischen Hoffnung absagtest, fast wie ein Aufklärer des achtzehnten Jahrhunderts, aber nicht im Triumph des fest auf der Erde Stehens sondern in abgründiger Trauer. Denn was immer Dich wider die positive Metaphysik aufbrachte, war. selber, metaphysisch, inspiriert von jener Möglichkeit gegen die Wirklichkeit, die Du von jedem Augenblick erwartetest und erwartest. Gleichwohl verbot Dir ein striktes Tabu, das Wirkliche mit dem Möglichen zu vermischen; so weit bliebst Du, trotz unseres Hegel, Kantianer. Deine Eltern hielten noch das jüdische Gesetz; als ihr Kind hast Du das Bilderverbot geachtet, indem Du es ausdehntest noch auf das Versprechen ihrer Religion, die Hoffnung. Den in festen Begriffen nur schwer zu fassenden, skeptisch besonnenen Aspekt Deines enthusiastischen Naturells mochtest Du in Deiner Vorgeschichte erworben haben. Sieben Jahre lang warst Du als Kaufmann tätig, ursprünglich dazu bestimmt, die väterlichen Fabriken zu übernehmen. Gleich wesentlich ist es für Dich, daß Du, in heftiger Auflehnung gegen den geschäftlichen Bereich insgesamt jene Erbschaft ausschlugst, wie daß Du das konkrete Bewußtsein von der Vormacht der Ökonomie in der bestehenden Gesellschaft Dir bewahrtest und wissenschaftlich reflektiertest. Auch das Kosmopolitische, abhold dem deutschen Provinzialismus, dankst Du wohl den Lehrjahren in westlichen Ländern.

Oft ist bemerkt worden, daß der, bei dem Hoffnung gebrochen ist – und nur als gebrochene, als heimliche Kraftquelle des Gedankens, nicht unmittelbar vermag sie noch zu wirken –, ein nachdrückliches Verhältnis zum Glück gewinnt, dem nie Wiederkehrenden. Mich faszinierte an Dir, daß Du vom ersten Tag an die Vorstellung einer richtigen Gesamtverfassung der Menschheit verbandest mit Ehrfurcht vorm Glück eines jeden Einzelnen, ohne Beiklang jener Entsagung, welche den Begriff philosophischer Tiefe seine ganze Geschichte hindurch befleckte. Zwei Erinnerungen aus unserer frühen Zeit haben sich mir eingeprägt, die größeren pädagogischen Einfluß auf mich übten als alles, was ich lernte und wozu ich erzogen war. Einmal sprachen wir von einem Philosophen, der von fortschreitender Lähmung ergriffen war und bis zu seinem Ende, mit bewundernswerter Energie, weiter arbeitete, indem er mit den Zeichen eines Fingers, des letzten Gliedes, das die Krankheit ihm freigab, diktierte. Nach bürgerlichem Usus betonte ich, jene Krankheit sei nicht syphilitischen Ursprungs. Heftig entgegnetest Du, das sei vollkommen gleichgültig; hätte der Paralysierte sich angesteckt, so mindere das weder den Wert der Person noch den der Sache. An Deiner Reaktion blitzte mir das alte Unwahre in der Ächtung der Lust auf, später eines unserer theoretischen Themen. Ein anderes Mal diskutierten wir über Fragen des Sozialismus. Ich, seiner Theorie noch unkundig, meinte: auch wenn lediglich einmal die anderen, bis jetzt Benachteiligten drankämen, sei der Gerechtigkeit Genüge getan. Dem widersprachst Du: nur wenn das Ganze sich ändere, nicht wenn das Unrecht, das es ausbrütete, in neuer Gestalt sich fortsetze, sei die Änderung überhaupt zu wollen. Der Weltlauf hat Dein Urteil bestätigt. Ich habe von Dir gelernt, daß die Möglichkeit, das Andere zu wollen, nicht mit dem Verzicht aufs eigene Glück erkauft werden müsse. Das hat die theoretischen Erwägungen, die dem gesellschaftlichen Ganzen gelten, von jener Rancune geheilt, die sie sonst vergiftet, und in den Bann des Immergleichen zurückholt.

Zur Philosophie nötigte uns beide weder Bildung noch wissenschaftliche Methodik. Philosophisch intendiert war auch, was nach den Spielregeln der Arbeitsteilung zur Soziologie oder Sozialpsychologie gehörte. Nie glaubten wir, die Theorie der Gesellschaft sei das Ganze; dafür ist jenes Ganze, zu dem die Gesellschaft sich zusammenschließt, allzusehr das Unwahre. Aber unsere Erfahrungen verliefen nicht parallel. Vielmehr konvergierten sie. Primär war bei Dir die Empörung übers Unrecht. Ihre Verwandlung in Erkenntnis des antagonistischen Unwesens, zumal die Reflexion auf eine Praxis, die ihrem eigenen nachdrücklichen Begriff nach eins sein soll mit Theorie, nötigte Dich zur Philosophie als der unnachgiebigen Absage an Ideologie. Ich aber war, nach Herkunft und früher Entwicklung, Künstler, Musiker, doch beseelt von einem Drang zur Rechenschaft über die Kunst und ihre Möglichkeit heute, in dem auch Objektives sich anmelden wollte, die Ahnung von der Unzulänglichkeit naiv ästhetischen Verhaltens angesichts der gesellschaftlichen Tendenz. Bald vereinte sich dann Dein politischer dégoût am Weltlauf mit meinem, der mich auf eine alles Einverständnis kündigende Musik verwies. Die Spannung der Pole jedoch, von denen wir herkamen, ist nicht zergangen und wurde uns fruchtbar. Ich habe an Dir eine geistige Gewissensinstanz ausgebildet, die mich daran verhinderte, Praxis, Verwirklichung des Gedachten, als Moment der Philosophie je zu vergessen. Ästhetizismus ist nichts der Kunst Äußerliches, nicht ihr Sündenfall: dafür gilt er nur den ethischen Banausen. Er begleitet die Kunst selber, gerade dort, wo sie es am strengsten: in reinster Kritik des Weltgeistes hält. Vor Ästhetizismus hast Du mich nicht durch Gesinnung bewahrt, sondern durch die Kraft des sich erweiternden Bewußtseins. Ich habe in Dir, vielleicht, den antipositivistischen, spekulativen Zug gestärkt, auch Vorbehalte gegen eine Praxis, die, indem sie in der Welt sich realisiert, immer dieser mehr geben muß, als sie dürfte; und von der Relevanz der Darstellung, der bestimmten Prägung, Dich überzeugt. Auch Du meinst, Kritiker des schlechten Allgemeinen, Versenkung ins Einzelne. Aber es ist die zum Ästhetischen konträre Gefahr, in der Allmenschlichkeit des Tuns das qualitativ Verschiedene nicht durchaus zu achten. Durch Dich wiederum ist mir ungemildert die Schwere der Negativität aufgegangen, welche die Kunst ihrer bloßen Form nach, als Setzung daseiender Bilder, zu bagatellisieren in Versuchung ist: ohne nihilistisches Element ist Utopie harmloser Spaß. Du hast dafür, so bilde ich mir ein, an mir eingesehen, daß ohne das transzendierende Moment der Utopie diese, ja nicht die Wahrheit des geringsten Satzes überhaupt je wäre. Die Spannung, an der wir unser Leben lang uns abmühen, hat, vermessen gesagt, ihre Unerschöpflichkeit daran, daß sie selber die schwebende und zerbrechliche Wahrheit ist, die wir vergebens zu formulieren trachten.

Dein Charakter ist ähnlich bestimmt von der Doppelheit theoretischer und praktischer Begabung wie der meine von der künstlerischer und reflektierender. Bei keinem habe ich jene beiden Aspekte, die psychologisch eher sich auszuschließen pflegen, so gleichmäßig entwickelt gefunden wie bei Dir. Dein Ichideal ist das ihrer Versöhnung: als lebendiges Subjekt nicht von der Arbeitsteilung sich zerlegen zu lassen, nicht verkrüppelt zu werden durch die einseitige Entwicklung von Eigenschaften auf Kosten derer, die sonst mit ihnen nicht zusammengehen. Dein Eigentümlichstes fände man wohl erst im Grund der Einheit jenes Doppelten. Ich möchte ihn die Kraft zur Identifikation nennen. Sie ist das Gegenteil des identifizierenden, subsumierenden, alles sich gleichmachenden Denkens: statt dessen die Fähigkeit, sich dem anderen gleichzumachen, dem, was leidet. Daher Deine Neigung zu Schopenhauer. Aber Deine Fähigkeit ist auch nicht die zur sogenannten Einfühlung. Sie hat ihren Ort noch unterhalb des Ichs und seiner festen Kristallisation, ist ein numerisches Vermögen, so genuin, daß es Dir leichte Aversion gegen alles nur zum Schein Mimetische, alles Schauspielerhafte einflößt, eine Aversion übrigens, verwandt der, die Du gegen den Geist hegst, der zum Zirkulationsmittel sich hergibt. Du vermagst es, Dich real in ein Anderes, Lebendiges zu verwandeln, so wie Du zuweilen wie ein Hund, mit langsamem Decrescendo, heulst. Die Zartheit, die zu solchen Künsten Dich befähigt, ist metapsychologisch; ähnlich jener, die der Geist auf dem Weg seiner Verselbständigung sich abgewöhnte und die, wie wohl den Tieren, bei Menschen nur noch physischen Organen zukommt. So zart ist auch Deine Unbedingtheit. Bedächtig, schwäbisch gehst Du bis zum Äußersten, bewahrend in der bestimmten Negation, solidarisch mit dem, was sich regt, was ans Leben will. Du hast es von keiner Erziehung Dir abgewöhnen lassen, die Welt so wahrzunehmen wie die Kreatur, an der sie ihr Mütchen kühlt. Noch Feinden hast Du dadurch Dich gewachsen gezeigt, daß Du, in manchen Situationen, wie sie wurdest, wie sie reagiertest; so konntest Du sie ausmanövrieren. Dazu bedarf es eines sehr starken und zugleich sehr weichen Ichs, widerstehend und nachgebend in eins. Indem Du Dich entäußerst, erhältst Du Dich selbst. Manchmal kommt es mir vor, als bestünde die Stärke Deines Ichs in dem Widerstand dagegen, den Hang zum Diffusen, Unrationalisierten von Kultur Dir austreiben zu lassen.

Offener Brief an Max Horkheimer – Seite 2

Einmal hast Du mir gesagt, ich empfände die Tiere wie Menschen, Du die Menschen wie Tiere. Etwas ist daran. Die Gegenbewegung von jenen Punkten her dürfte in unserem fortwährenden Dialog produktiv geworden sein. Dein Ansatz, das Individuierte als todgeweiht, wie ein ohnmächtig sich Regendes zu fühlen, hat vermutlich das an Deiner Philosophie erzeugt, was, nach den schulmäßigen Stereotypen, Materialismus heißt. Von allem gängigen und vulgären unterscheidet er sich dadurch, daß ihm nicht die Spur des Hämischen gesellt ist. Du weißt sehr wohl, daß Hoffnung am Konkreten, am Individuierten oder, wie unser Karl Heinz Haag es nannte, "Unwiederholbaren" haftet. Dies Wissen jedoch grundiert bei Dir die Ahnung der Vergeblichkeit; das, wovon alles Glück und alle Wahrheit zehrt, sei nicht. Du hast den utopischen Impuls ohne Kompromiß im Geist von Kritik absorbiert, ohne affirmativen Trost, selbst ohne den des Vertrauens auf eine Zukunft, die doch vergangenes Leiden nicht wieder gutmachte. Dem habe ich nie etwas anderes entgegensetzen können als die Frage, ob nicht die Unerbittlichkeit, die Dich in solche Richtung drängt, ihren Gehalt von eben dem empfinge, was sie ausschließt. Wir haben die Frage so wenig beantworten können wie sonst einer.

Der Materialismus, den Du in den großen Abhandlungen der Zeitschrift für Sozialforschung entfaltet hast, ist nicht positiv, keine etablierte Methode der Wissenschaft, kaum nur Philosophie – sonst verfiele er dem Verdikt über das totale, sich selbst befriedigende Denken, das nicht zuletzt den Materialismus motiviert. Die Arbeit, in der Du so etwas wie ein Programm niedergelegt hast, heißt darum ‚Traditionelle und kritische Theorie‘. Du hast den Materialismus dem Bereich des Apokryphen, Minderen entrissen, in den er stets wieder geriet, indem Du ihn philosophisch reflektiertest, im Kontext einer Kritik von Philosophie. Diese hat sich Dir verschmolzen mit Kritik an der objektiven Struktur der Gesellschaft. Deine Idee von Theorie war gleich pointiert gegen die idealistischen und positivistischen Richtungen wie gegen die materialistische Dogmatik. So hast Du früh den philosophischen Irrationalismusstreit in seiner Dialektik entfaltet, anstatt, wie später Lukács, die Position der Rationalität, die Dir als Aufklärer nahe genug war, blindlings zu verhimmeln. Unüberholt ist Deine Polemik gegen den Neopositivismus als Denkverbot und Fetischisierung wissenschaftlicher Verfahrungsweisen.

Die Largesse Deines Denkens; Deine Weigerung, es auf fixierte Prinzipien zu vereidigen, während Du Dich doch nie dem Pluralismus verschriebst, bewährte sich in Deiner Stellung zur Psychoanalyse. Sie hatte ihren Stellenwert in gesellschaftlicher Erkenntnis; der von der Kittfunktion psychologischer Momente, die Dezennien danach in der Integrationstendenz der Gesellschaft so überwältigend sich bewahrheitete. Freud hast Du ohne die in Deutschland üblichen Vorsichtsmaßnahmen rezipiert, ihm jedoch, im Bewußtsein des Vorrangs der Gesellschaft vor den in ihre Zwangsmechanismen eingespannten Einzelnen, nicht als einer Grundwissenschaft der Gesellschaftslehre Dich ausgeliefert. So wenig Du gesonnen warst, die Psychoanalyse zugunsten herrschender Tabus zu mildern, so früh hast Du gesehen, daß sie, im bestehenden Betrieb funktionierend, durch ihr eigenes Postulat der Realitätsgerechtigkeit sich anpaßt und auf dem Sprung steht, das Stück kritische Theorie aufzugeben, das sie ursprünglich war. In der Welt, zu der die Gesellschaft geworden ist, ist aller Geist eine Gestalt der Neurose; besser sie fruchtbar zu machen als sie auszurotten, damit die Maschinerie noch reibungsloser abläuft.

Unmittelbar nachdem wir die ‚Dialektik der Aufklärung‘ beendet hatten, die uns philosophisch verbindlich blieb, hast Du Deine wissenschaftliche und organisatorische Energie daran gewendet, das Unverständliche verstehen zu lehren, das erst gegen Ende des Krieges uns ganz bekannt wurde. Du bist dabei ausgegangen von der Erkenntnis, daß gegen die Wiederholung des Entsetzens mehr hilft, die Mechanismen zu begreifen, deren es sich bediente, als in Schweigen oder ohnmächtiger Entrüstung zu erstarren. Zur Rückkehr nach Deutschland, zur Wiedererrichtung des Instituts für Sozialforschung, dessen Leiter Du schon vor der Hitlerdiktatur gewesen warst, haben dieselben Motive Dich bewegt. In jener Phase verstärkte sich Dein Zweifel am Wort. Was man Deine materialistische Metaphysik nennen könnte, ein alttestamentarisches Bewußtsein der Eitelkeit des Lebens, überträgt sich auf Dein Verhältnis zum Gedanken. Noch der tiefste und wahrste, so erfährst Du es, verweht; die Dauer des geistig Objektivierten sei Illusion angesichts der Finsternis des Vergessens. Du sprichst dem Geist keine Substantialität zu; suchst das Seine, Wahrheit und Freiheit, in seiner Selbstverneinung. Das Grundgefühl endgültiger Hinfälligkeit verleiht für Dich dem was ist, was überhaupt aus dem Finsteren sich hebt, trotz aller Schuld jenes Recht, dem Du mit einer Liebe Dich zukehrst, die nicht geringer ist als Dein Schauder davor, wie jenes Seiende ist, das Du doch liebst.

Das Gesamtsystem widersteht Dir am tiefsten darum: weil es dem eigenen Prinzip nach auf seine Vernichtung zutreibt. In einer gerechten Gesellschaft wäre der Tausch nicht nur abgeschafft sondern auch erfüllt: jeder empfinge das Seine, das der Tausch ihm wesentlich immer nur verspricht, um es ihm zu versagen. Patriarchalische Züge hast Du nie verleugnet, aber vergeistigt zu einem außerordentlichen flair für Machtverhältnisse, und damit zur Fähigkeit, dafür zu sorgen, daß Du und die Dir Nächsten im Widerstand gegen die Macht sich behaupten konnten. Deine glückliche Hand in ungezählten Situationen verdankt sich der Konstellation von Weltkenntnis, Widerstandskraft und einem in der Realität nie ganz Aufgehenden. Mit jener bist Du stets um einiges besser fertig geworden, als sie, in der Plumpheit ihres Soseins, zu verhindern ausreichte.

Die Freiheit, die mit Dir gemeint ist, hat ihr Maß an dem Widerstand, den sie leistet; eins mit Festigkeit, unabdingbarer Treue ohne Eid. Nur Menschen mit starkem Ich, hast Du einmal gesagt, nur Freie also, können treu sein. Die Freiheit der Lebendigen hat Kant in der Lehre vom intelligiblen Charakter zu fassen versucht. Ihm ist sie eine Beschaffenheit, die man "sich gibt". Sie gehört dem Dasein an und ist doch in diesem ein anderes als bloßes Dasein. An Dir habe ich sehen dürfen, daß dies seinem puren Begriff nach Unmögliche kein Wahn ist. Die Menschen sind, ihrer Möglichkeit nach, mehr als sie sind. Dies Mehrsein ist nicht abstrakt. Immer wieder erscheint es sporadisch, auch in dem, was wir sind. Nicht gänzlich sind wir die Produkte jener Naturbeherrschung, die wir ersonnen, die wir der Welt und schließlich auch uns angetan haben. In Dir manifestiert, stets sich erneuernd, sich jener Überschuß. Darf man es von einem Einzelnen sagen, so hast Du einen intelligiblen Charakter, und er ist viel mehr Dein eigenes Wesen, als alles psychologische.