Von W. Jessen

Ich bin ein Berliner. Daher der albdruckartige Horror, der mich befällt vor all den Bildbänden und Jahreskalendern, mit denen konjunkturbeflissene Verleger diese geplagte Stadt überschütten und das restliche Deutschland beiderlei Observanz dazu.

Es ist schon ärgerlich, anzusehen, wie man von allen Seiten her versucht, Berlin, in die Korsetts der verschiedenartigen Klischeevorstellungen zu zwängen. Meine ganz besondere Abneigung gilt dabei vier Arten von Publikationen, die teilweise in puristischem Gewand, teilweise auch in lockerer Vermischung Untereinander aufzutreten pflegen.

Es sind dies:

1. Die Bildbände der "Schönen-Heimat"-Welle, die, wiewohl herzlich unberlinisch, im Gefolge jener "Ich hab’ so Heimweh nach dem Kurfürstendamm"-Sentimentalität heraufgespült scheint und die uns nun schöne bunte Photos beschert vom ewig blauen Himmel über dem Schloß Charlottenburg; und das Brandenburger Tor im Blumenschmuck legt beinahe den Verdacht nahe, es handele sich bei der Mauer um eine weitgehend gärtnerische Angelegenheit.

2. Die Bildbände der "Schönen-alten-Heimat"-Welle, in denen man, feuchten Auges, noch einmal durchs alte Diplomatenviertel am Lützowufer spazieren darf, und Papas Berlin der zwanziger Jahre leuchtet so golden, als habe es keine Inflation, keine Fememorde und hinterher keinen Hitler und keinen Eichmann gegeben.

3. Die Bildbände der "Denk-an-Berlin"-Masche, die sich weniger altväterisch geben als vielmehr hochmodern mit live-Photos und Magnum-Aspekt: Neben der Bernauer Straße erscheint das Ausflugslokal an der Havel, wo "der Berliner" ungebrochen optimistisch "immer noch" im Sommer seine Weiße mit Schuß trinkt.