Es wird wieder kälter auf der Erde – Seite 1

Von Erwin Lausch

Der milde Winter scheint zwar dagegen zu

sprechen, für die Meteorologen jedoch gibt es kaum noch einen Zweifel: Es wird kälter auf der Erde.

Viele Anzeichen deuten darauf hin: Das Polareis im Nordmeer dehnt sich aus. Über dem Nordatlantik und über Europa haben Westwinde ab- und Nordwinde zugenommen. Die atlantischen Tiefs, die eine große Rolle für unser Wetter spielen, haben ihren Kurs weiter südwärts verlegt. Schließlich wurde die Temperaturabnahme auch gemessen: Aus Millionen von Temperaturwerten, die rund um den Erdball gewonnen wurden, errechneten Meteorologen, daß die jährliche Durchschnittstemperatur gefallen ist.

In jüngster Zeit haben britische und amerikanische Meteorologen mehrere wissenschaftliche Arbeiten über Symptome einer Klimaverschlechterung veröffentlicht. Das englische Wetteramt beschäftigte sich in einem Bericht mit den Konsequenzen, die für die Wirtschaft aus den Beobachtungen der Klimatologen zu ziehen seien, und richtete eine Forschungsabteilung ein, die sich speziell mit dem Problem der Klimaschwankung befassen soll. Den Klimaforschern bietet sich jetzt eine einzigartige Gelegenheit: Zum erstenmal in der Geschichte der Menschheit können Wissenschaftler einen Klima-Umschwung in allen Einzelheiten messend verfolgen.

Das Klima der Erde hat im Laufe der Erdgeschichte vielfach geschwankt. Bei der Untersuchung uralter Gesteine fanden die Geologen Anzeichen dafür, daß schon vor mehr als einer Milliarde Jahren auf der Erde eine Eiszeit herrschte. Vor 600 Millionen Jahren dehnten sich Gletscher über große Teile der Erde aus. Vcr 275 Millionen Jahren waren weite Gebiete Südafrikas, Südamerikas, Australiens und Vorderindiens von Eis bedeckt. Vor einer Million Jahre schließlich begann jenes Eiszeitalter, das – wie wir in der Schule gelernt haben – die für Norddeutschland charakteristischen Moränen und Findlingsblöcke, die Urstromtäler und Seen hinterließ.

Mehrmals stieß das Eis in dieser jüngsten Vereisung aus dem Norden und von den Gebirgen her vor. Die Vorstöße wurden unterbrochen durch warme Zwischeneiszeiten. Der letzte Vorstoß endete vor etwa 10 000 Jahren.

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Es folgte eine Wärmezeit, etwa von 5000 bis 3000 vor Christus. Damals war es in Europa wesentlich wärmer als heute. Das haben Forscher aus der Untersuchung von Überbleibseln wärmeliebender Pflanzen aus jener Zeit folgern können.

Relativ warm war es wieder, wie aus alten Aufzeichnungen und aus Siedlungsresten hervorgeht, im frühen Mittelalter. Lange und trockene Sommer überwogen. Weinkulturen gediehen wesentlich weiter nördlich als heute. Sogar in England waren Weinkulturen in der Zeit zwischen 1000 und 1300 verbreitet. Eskimos drangen weit nach Norden vor und besiedelten beispielsweise Ellesmereland im äußersten Norden Kanadas. Sie trieben Walfang auf dem offenen Meer und bauten Häuser aus Treibholz. Wenige Jahrhunderte später mußten. diese Siedlungen wieder aufgegeben werden.

Denn es folgte, ab 1550, eine Kältezeit von 100 bis 200 Jahren, offenbar die kälteste Periode seit dem letzten Rückzug des Eises aus Mitteleuropa. Diese Zeitspanne ist verschiedentlich als "kleine Eiszeit" bezeichnet worden. Das Klima besserte sich jedoch wieder. Einen Rückschlag gab es im vergangenen Jahrhundert. In den achtziger Jahren schließlich setzte eine anhaltende Erwärmung ein.

Gletscher schmolzen ab. Der große Muir-Gletscher in Alaska etwa wich zwischen 1902 und 1946 um 22 Kilometer zurück, das machte im Jahr 400 Meter. Die Eisverhältnisse in den arktischen Gewässern besserten sich. Konnten Schiffe um 1900 nur drei Monate im Jahr West-Spitzbergen anlaufen, so dauerte die Schiffahrtsperiode dort ein halbes Jahrhundert später sieben Monate.

Fischfangplätze verlagerten sich. Der Kabeljau, den die Eskimos vor Beginn des Jahrhunderts überhaupt nicht kannten, wurde ihr Hauptnahrungsmittel. Auch Schellfisch, Heilbutt und Hering wanderten weiter nach Norden.

Ornithologen meldeten, daß Vogelarten ihre Reviere nordwärts verlegt hatten, und auch Pflanzen breiteten sich nach Norden aus. Die Baumgrenze in Nordeuropa und Nordasien rückte um mehrere hundert Meter vor. Auf Island, in Norwegen, Finnland und Sibirien wurden ausgedehnte Ländereien unter den Pflug genommen, die jahrhundertelang nicht mehr bestellt worden waren. All dies wurde durch eine scheinbar sehr geringfügige Erwärmung ausgelöst. Die Jahresdurchschnittstemperatur war um etwa ein Grad Celsius gestiegen.

Der Höhepunkt dieser "Wärmezeit" in unserem Jahrhundert lag um 1940. Da jedoch die Temperaturen Jahr für Jahr etwas schwanken, konnten die Klimaforscher erst Jahre später feststellen, daß die Erde sich langsam wieder abkühlte.

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1957 berichtete der Hamburger Meteorologe Dr. Rodewald auf dem Deutschen Geographentag in Würzburg über erste Anzeichen für einen Klima-Umschwung. Im August 1956 sei in der Davisstraße zwischen Grönland und der nordkanadischen Insel Baffinland eine für die Jahreszeit ungewöhnliche Eisdrift gesichtet worden. Meldungen über sehr starke Eisbildung waren auch aus dem Norden Labradors und aus Island eingetroffen. Die Kursschwankung (in Richtung einer weiteren Erwärmung), erklärte Rodewald damals, befände sich in einem kritischen Stadium. Die relativ hohen Temperaturen bröckelten leicht ab. Ob es sich dabei lediglich um eine Episode oder aber um Symptome eines grundlegenden Umschwungs handele, könne noch nicht mit Sicherheit gesagt werden.

Weitere Symptome für eine Klimaverschlechterung teilte Ende letzten Jahres der britische Meteorologe H. H. Lamb in der "Umschau in Wissenschaft und Technik" mit. "Erste Spuren einer Zunahme des Eises in der Gegend um Island", schrieb Lamb, ein international anerkannter Klimafachmann, "zeigten sich 1949, 1955 und 1959. Von 1950 an sind nördliche Winde über dem Nordmeer immer häufiger geworden. Seit 1958 sind fast alle Monate über dem arktischen Becken kalter als die Durchschnittswerte der letzten Jahrzehnte gewesen. Die Ausdehnung des Eises hat rasch zugenommen. Seit 1955 bis 1958 macht sich eine Abnahme der Wassertemperaturen um 45 bis 55 Grad nördlicher Breite im Nordatlantik um ungefähr zwei Grad Celsius bemerkbar Wir konnten in den letzten Jahren eine weitere Abnahme der Häufigkeit von westlichen Winden über dem Nordatlantischen Ozean und Europa feststellen, der einer signifikanten Zunahme der nördlichen Winde – zumindest im Sektor Nordmeer–Britische Inseln – entspricht."

Der amerikanische Meteorologe Dr. J. Murray Mitchell von der Abteilung für Klimatologie im US-Wetteramt wertet täglich 20 000 Temperaturmessungen aus, die aus allen Teilen der Welt bei ihm eintreffen. Mitchell hat errechnet, daß ein gut Teil der Erderwärmung, die zwischen 1880 und 1940 stattgefunden hat, inzwischen wieder verlorengegangen ist.

Noch konnten die Wetterforscher nicht klären, welche Ursachen zu den Klimaschwankungen führen. Aber diese Probleme, so heißt es in einem Bericht, den das britische Wetteramt kürzlich herausgab, "erschließen sich jetzt und werden bereit für eine Attacke auf breiterer Front". In dem Bericht wird auch vorgeschlagen, die Sonnenstrahlung in den nächsten zwanzig bis vierzig Jahren mit Hilfe von Erdsatelliten genau zu messen.

Kein Meteorologe hat bisher eine Voraussage gewagt, wie tief die Temperaturen auf der Erde diesmal fallen werden. Doch schon eine geringe weitere Abkühlung, das jedenfalls läßt sich voraussagen, würde beträchtliche wirtschaftliche Folgen haben. Nicht nur Landwirtschaft und Fischerei, sondern auch jene Gebiete, die vom Tourismus leben, wären betroffen. Nicht überall würde sich eine weitere Klimaverschlechterung unangenehm auswirken. Manche Länder würden von ihr profitieren. So könnte eine Änderung der Luftzirkulation den regenarmen Ländern Nord- und Westafrikas mehr Niederschläge bringen.

Eine Folgerung glaubt das britische Wetteramt heute bereits ziehen zu können: "Diese Entdeckungen" – der Symptome für eine Abkühlung auf der Erde nämlich –, so heißt es in dem Bericht, "werfen die Frage auf, ob sich für Vorausplanungen heute nicht die Klimatabellen für das neunzehnte (kühlere) Jahrhundert in mancher Beziehung besser eignen als die Statistiken irgendeiner Periode zwischen 1900 und 1950."