Der Bericht, den Jean Cau kürzlich im „Nouvel Observateur“ nach einem Besuch in Deutschland veröffentlichte, hat in Frankreich Aufsehen erregt. Schon dies ist für uns Grund genug, ihn den deutschen Lesern vorzulegen. – Man kennt Jean Cau: Ein junger Resistance-Mann war er, ehe er aus Südfrankreich nach Paris kam – zu Jean Paul Sartre und dessen Zeitschrift „Temps Modernes“. Als Mitarbeiter des „Express“ machte er sich dann als Reporter einen Namen: als ein ebenso mutig-robuster wie feinsinniger Wortführer der französischen Linksintellektuellen, in jedem Falle aber ein Mann, der seine Meinung sagt. Er hat dafür einen eigenen Stil gefunden, der beides enthält: Spiegelbild der Realität und dichterische Ausdruckskraft. Sein Roman „Das Erbarmen Gottes“ brachte ihm den höchsten Preis der französischen Gegenwartsliteratur ein, den „Goncourt“. Sein polemisch-dichterisches Theaterstück „Die Fallschirmjäger“ wurde in Paris ausgepfiffen, in Berlin respektiert. Wir glauben, daß durch Jean Cau – wie beispielsweise auch durch Michel Butor – ein junges Frankreich Sprache gewinnt, das uns (über alle Partei-Dogmatik hinaus) wichtig sein muß, weil es uns Deutschen nicht nur die altgewohnte Kritik, sondern auch ein neues, modernes Verständnis entgegenbringt.

Gut, Kinder, diese Nacht werdet ihr mir Stuttgart bombardieren, sagt der amerikanische General (1944) zu seinen Piloten.

Na, die Piloten sind nicht besonders froh darüber. Wenn er glaubt, der General, daß es leicht sei, Stuttgart mit Bomben einzudecken, da täuscht er sich. Es ist zum Verrücktwerden. Stuttgart ist überall. Das fängt nicht an, das hört nicht auf. Das ist wie Gott und wie China. Das ist, als wollte man euch befehlen, eine Hydra mit unauffindbaren Köpfen zu erschlagen. Sehen Sie, Herr General, ich bombardiere Ihnen Toulouse mit geschlossenen Augen. Oder Bordeaux. Oder Limoges. Aber Stuttgart!... Es ist schon bombardiert. Die Stadt ist erbaut worden durch Aufbrüche und Bruchteile, die – überall verteilt – untereinander durch ein Netz von geschossetreibendem Zement verbunden sind.

Und wahrhaftig, es ist, als ob sich vom Himmel (wir sind im Jahre 1965 dieses Mal) der Wiederaufbau auf die Stadt niedergeschlagen hätte wie ein Bombardement. Vom Himmel flogen ganze Straßen, breite Kreuzungen, Gebäude von fünfzehn Etagen und Warenhäuser für Gullivers, durch das Bindemittel der „Deutschen Mark“ zusammengenäht.

Wo liegt Stuttgart? Die Autobahn zerspringt in Autobahnen. In Frankreich, da ist eine Autobahn ein Stummel aus Zement, auf dem Minister sich die Zeit mit Einweihungen vertreiben, auf dem das Fernsehen die Muße damit verbringt, Filme zu drehen, die den Zuschauern als Illustrationen unseres außerordentlichen Wirtschaftsaufbaues vorgezeigt werden. In Deutschland (es ist nicht das erstemal, daß ich herkomme, aber ich hatte es vergessen), da kommen Sie auf der Autobahn aus dem Staunen nicht mehr heraus, nämlich das dauert – wissen Sie – zehn, zwanzig, dreißig, hundert (und so weiter) Kilometer. Das ist kein Stück Zement, hingeschmissen zur Wut der französischen Autofahrer und zur Bewunderung der spanischen Touristen; nein, es ist ein gigantisches Werk. Zuerst staunt man, dann ist man entzückt, dann hält man den Atem an, und schließlich schüchtert es Ihren Nationalstolz ein (wenn Sie damit versehen sind). Was soll da noch die Brücke von Tancaryille, die Einnahme von Baden-Baden durch die erste französische Armee 1945, der Erfolg der Winterkollektion der Pariser Mode oder der Sieg (7 :5) der „Rugby-Fünfzehn“ von Frankreich in Südafrika?

Aber wo ist Stuttgart? Wo sind die Köpfe dieses riesigen Tintenfisches, der seine zementenen Fangarme auf die Wälder, Hügel, Ebenen und Berge Deutschlands gepreßt hat? Ja, wo ist beispielsweise Stuttgart? Plötzlich – während Sie zügig dahinsausen wie ein Kosmonaut, dessen Raumschiff in seiner Kreisbahn fliegt: und Sie sind losgefahren, um eine Reise um die Welt zu machen – zeigen Ihnen Schilder ein Stuttgart-Süd, ein Stuttgart-West, ein Stuttgart-Hier, ein Stuttgart-Dort, fünf Stuttgarts, zehn ... Und jedesmal wirft die Autobahn ihre Ableger in Richtung dieser unsichtbaren Stadt Stuttgart, die Sie irgendwo da unten ahnen: angewachsen ans Ende eines Zementzweiges wie eine Frucht, die gefüllt ist mit Fabriken, Häusern, Straßen, Plätzen, mit Menschen und mit Leben.

Und in Frankfurt, wo ich in der Nacht ankomme, da ist’s noch seltsamer. Vor zwanzig Jahren brannte die Stadt in tausend Bränden. Sie brennt immer noch und schickt in die Nacht roten und violetten Rauch, der von weitem die Ruine eines Nazi-Sodoms ankündigt. Aber Sie nähern sich der Glut, und – o Staunen! – es ist ein Geysir von Neon, eine Explosion von Licht, ein Mahlstrom von elektrischen Farben. Dieser Anblick nagelt Sie am Boden fest.