Vor dem Düsseldorfer Landgericht trafen sich in der vergangenen Woche die Rechtsvertreter des größten Rasierklingenherstellers der Welt und einiger Solinger Firmen, um festzustellen, ob das Patentrecht den kleinen Firmen die Produktion einer Rasierklinge untersagt, die sich in den letzten Jahren als „Wunderklinge“ die Gunst der Käufer und den Markt erobert hat.

Als die Klinge vor nunmehr über drei Jahren in Großbritannien eingeführt wurde – eisgehärtet und mit einem Kunststoff beschichtet, damit sie weich rasiert – war es bald wie einst zu Schwarzmarktzeiten: Die Händler verkauften die Klinge nur unter dem Ladentisch an Stammkunden. Der Fabrikant, die Wilkinson Sword Ltd., konnte mit den Lieferungen nicht nachkommen.

Anfang 1962 warb die Londoner Firma auch in der Bundesrepublik: „Schwedische Stahlexperten, englische Ingenieure und deutsche Maschinenfachleute entwickelten für Wilkinson ein neues Verfahren zur Herstellung von Klingen mit beispielloser Schärfe und Beständigkeit.‘

Die Briten hatten ihrer Solinger Tochtergesellschaft, der Wilkinson Sword GmbH, inzwischen die alteingesessene Firma Osberghaus einverleibt, die mit ihren 200 Beschäftigten zu den größten Schneidwarenherstellern Solingens gehörte.

Wie in den USA, wo zwei große Produzenten dem Wilkinson-Schritt folgten, fanden sich auch in der Bundesrepublik bald Interessenten, die sich ebenfalls an den Erfolg anhängen wollten. Mußten sie doch nicht nur befürchten, den kleinen Anteil am Rasiermarkt noch zu verlieren, der ihnen bisher verblieben war; sie hatten im Gegenteil sogar die Hoffnung, mit der neuen Klinge den Vormarsch der Elektrorasierer aufhalten zu können. Nur der größte Rasierklingenhersteller der Welt, die Bostoner Gillette Company – mit 12 000 Beschäftigten in aller Welt etwa viermal so groß wie Wilkinson – hielt noch still.

In Solingen, der Hochburg der deutschen Schneidwarenindustrie wurden zu der Zeit schon viele ehemalige Schleifkotten auf den Hinterhöfen gutbürgerlicher Häuser als Geräteschuppen zweckentfremdet. Von den ehemals über 450 Firmen im Mitgliederverzeichnis des Rasierklingen-Industrie-Verbandes waren nur knapp 50 Namen übriggeblieben. Die anderen Produzenten – kleine, kleinste und auch größere, denn ganz große gibt es in Solingen nicht – hatten entweder freiwillig aufgegeben oder waren in Konkurs gegangen.

Es ist eine zweifache Ursache, die zu dieser Entwicklung geführt hat. Einmal ist von den rund 19,5 Millionen männlichen Einwohnern über 16 Jahre in der Bundesrepublik im Laufe der Jahre nahezu die Hälfte „naßrasurflüchtig“ geworden und bevorzugt die bequeme und zeitsparende Elektrorasur. Zum andern scheuten sich die meisten Fabrikanten, die konventionellen Produktionsmethoden zu ändern, bei der mehrere Herstellungsphasen, vor allem das Schleifen, in Lohnarbeit vergeben wurden.