Nicht immer läßt sich olympisches Gold in klingende Münze verwandeln – Die bittere Erfahrung des Radrennfahrers Lothar Claesges

Von Haus von Kuenheim

Als der strahlende Sieger kam er nach Hause, sein Heimatstädtchen stand kopf, die Honorationen machten ihn zum Helden, zum Vorbild für die Jugend, er wurde herumgereicht von einer Feier zu einer anderen Veranstaltung, Reden, Blumen, Ehrenplaketten, Schulterklopfen, Verbeugungen, Applaus und Tusch. Auch die große Nachbarstadt feierte ihn als einen der Ihren und machte aus ihm den Mann des Jahres. Der Bundespräsident fand feierliche Worte für ihn, und Mädchen rissen sich um sein Autogramm.

Das war im Spätsommer. Nach den Olympischen Spielen in Tokio. Lothar Claesges, Krefelder, 22 Jahre alt, blond, ein athletischer Typ mit strahlenden Jungenaugen, gewann auf der Radrennbahn von Hachioje die Goldmedaille im 400-m-Mannschaftsverfolgungsfahren. Er hatte noch andere sportliche Erfolge aufzuweisen: 1960 Jugendmeister auf Bahn und Straße, 1962 und 1964 in Mailand und Paris Weltmeister im Mannschaftsverfolgungsfahren, für ein Jahr auch Weltrekordinhaber auf 1000 Meter. Und vielleicht dachte er an seine Sportskameraden auf dem Eis, an Marika Kilius und Hans-Jürgen Bäumler, die ihr olympisches Silber in harte Mark umwechselten. Warum sollte er sein Gold nicht vergolden? Lothar Claesges setzte sich nach überstandenen Ehrungen ins Lager der Profis ab, bekam eine Lizenz als Berufsradfahrer und mußte sich sagen lassen: „Wenn man Profi ist, ist man kein Weltmeister und Olympiasieger mehr, dann ist man Anfänger.“

Ja, wenn er wenigstens geschäftstüchtige Eltern hätte, die für ihn Verträge aushandeln, mit Illustrierten verhandeln, Photoreporter bestellen, kurz, ihm seinen Namen frisch halten könnten, so wie es die Eisläufer-Eltern konnten. Seine Eltern aber sind nun einmal biedere, brave Leute, die von einem kleinen ersparten Häuschen am Rande Krefelds ihren Lothar bewundernd betrachten und jeden seiner geldbringenden Schritte gutheißen.

So war dann der junge lorbeerbekränzte Held, irgendwann hatte er einmal den Beruf eines kaufmännischen Angestellten ausgeübt, allein und hilflos den lockenden Versprechungen derer ausgesetzt, die Verträge auszuteilen hatten. Mitnehmen, was du kannst“, flüsterten die einen und rieten, das winterliche Karussell der Sechs-Tage-Rennen zu besteigen. Nicht unter einer bestimmten Gage zu fahren, raunten die anderen, „der will dich verheizen, komm zu mir“, sagte dieser, „nein, zu mir“, jener.

Wie konnte er auch überschauen, daß die Veranstalter der Sechs-Tage-Rennen in Dortmund, Köln, Münster und Berlin nicht gerade freundschaftlich aufeinander zu sprechen sind, sie liegen im harten Kampf untereinander: „Wer zahlt die höchste Tagesgage?“