Erfolge und Rückschläge bei der Industrialisierung Süditaliens

Von Georges-Louis Puech

Neapel, Anfang März

In der Altstadt von Tarent am Golf von Tarent, 500 Kilometer südlich von Rom, spielen die Jungen Fußball – vor einer alten Kirche. Die romanischen Mauern dienen als Tor. Ein Stück weiter an einer Straßenecke wärmen sich kleine Mädchen an einem Feuer aus Kistenbrettern. Nur wenige Kilometer davon entfernt ragen zwei Hochöfen der Italsider empor und speien Giftgase in den blauen Himmel. Aber die Kinder von Tarent beachten sie nicht. Von der wirtschaftlichen Umwälzung, die sich in ihrer Stadt vollzogen hat und die sich nach und nach im ganzen Mezzogiorno – in der italienischen Stiefelspitze hinauf bis Rom – ausbreitet, sind sie unberührt geblieben. Sie spielen die gleichen Spiele wie ihre Väter. In ihren Augen ist der Mezzogiorno immer noch das, was er früher war: eine malerische Landschaft, deren Menschen in tiefster Armut leben.

Nach einer Untersuchung aus dem Jahre 1955 hatten über die Hälfte von 1 210 000 Familien des Mezzogiorno noch nie Fleisch oder Zucker gegessen und noch nie Wein getrunken. Sie lebten im wesentlichen von Brot und Wasser. Im Jahre 1958 lag das Monatseinkommen bei 38 Prozent aller Familien immer noch unter 230 DM. Vor drei Jahren gab es im Mezzogiorno anderthalb Millionen Arbeitslose und fast eine Million Gelegenheitsarbeiter. Diesem Gebiet fiel im wesentlichen die Rolle zu, den Norden Italiens mit billigen Arbeitskräften zu versorgen. Je reicher der Norden wurde, desto ärmer wurden die Leute im Süden. Lange Zeit schien der Mezzogiorno dazu bestimmt, Italiens Stiefkind zu bleiben.

Bodenreform am Anfang

Die ersten Versuche, die sozialen Verhältnisse im Süden zu bessern, waren wenig ermutigend. Es fehlte der wirtschaftliche Unterbau. Es dauerte lange, ehe man begriff, daß man die Unternehmer aus dem Norden nicht zwingen konnte, im Mezzogiorno zu investieren. Es mußte aber etwas geschehen, wenn der Süden nicht sowohl in wirtschaftlicher als auch in politischer Hinsicht eine Gefahr für ganz Italien werden sollte.