Von Ingrid Neumann

Ich verstehe die Siegesstimmung bei der Kohle überhaupt nicht“, so entrüstet sich zu Beginn des Jahres der Vorstandsvorsitzer eines großen Ruhrkonzerns mit bedeutenden Bergbauinteressen, als in den offiziellen Stellungnahmen des Bergbaus noch deutlich die Zufriedenheit über die energiepolitischen Zusagen der Bundesregierung gezeigt wurden. Es bestehe für die Zechengesellschaften nicht der geringste Anlaß zum Jubeln, denn auch nach den Bonner Verhandlungen vom November vergangenen Jahres habe sich für die Kohle im Grunde nichts geändert. Gefühle der Genugtuung über die von der Bundesregierung in Aussicht gestellte Schützenhilfe für den deutschen Bergbau seien zumindest als höchst voreilig zu bezeichnen. Dieser nüchterne Standpunkt des Erst-mal-Abwartens paßte nicht ganz in das offizielle Konzept. Im Essener Glückauf-Haus, in der Zentrale des Ruhrbergbaus, galt vielmehr die Devise: „Habt Vertrauen, wir sehen besseren Zeiten entgegen!“

Tatsächlich hatte ja die Bundesregierung dem Bergbau erneut nachdrücklich versprochen, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß die Kohle mit ihrer gegenwärtigen Jahresförderung von rund 140 Millionen Tonnen überleben kann: Mit Maßnahmen, wie der Einführung der Lizenzierungspflicht für Heizöl – und Rohölimporte, der Verlängerung des Kohlenzollgesetzes, einer Anmeldepflicht für Raffineriebauten und Rohrleitungen und der gesetzlichen Förderung der Stromerzeugung auf Steinkohlebasis wurde damals das Bonner Versprechen besiegelt und die Wogen an der Ruhr geglättet.

Der Zechenverbandsvorsitzende Bergassessor Helmuth Burckhardt selbst warb in seinen eigenen Reihen für das Vertrauen auf die neue Achse zwischen Essen und Bonn, und das bei der Kohle seit eh und je stark ausgeprägte Solidaritätsgefühl half ihm dabei. Inzwischen aber beginnt es wieder schwieriger zu werden, die Zechengesellschaften bei Laune zu halten. Hoffnung und Zuversicht schwinden schnell, wenn die Gegenwart so trübe ist, wie sie sich bei der Kohle tatsächlich zeigt.

Die ersten Aktionärsbriefe, die in den letzten Wochen von einigen großen Bergwerksunternehmen veröffentlicht worden sind, lassen zunehmende Absatzschwierigkeiten der Steinkohle bereits ahnen, sind aber im Tenor durchweg noch recht zurückhaltend. Beim Harpener Bergbau beispielsweise war noch ausdrücklich von der Hoffnung auf die Auswirkungen der Bonner Marscherleichterung für den Bergbau die Rede.

Heute überwiegen in den Verwaltungskontoren der Zechen bereits eindeutig die Sorgen über den laufenden Absatz und vor allem über die Ertragszahlen der Bergbaubetriebe. Es ist kein Geheimnis, daß das Wintergeschäft des deutschen Steinkohlenbergbaus – das Anfang März nunmehr immerhin so gut wie abgeschlossen ist – ausgesprochen schlecht war. Mit verklärten Gesichtern ist im Revier heute noch von dem sogenannten „Jahrhundertwinter“ 1962/63 die Rede. Damals wurde nicht nur die laufende Förderung so gut wie spielend abgesetzt, sondern auch die Kohle von den Halden konnte flott weg verkauft werden. In diesem Jahre stand der Wettergott nicht auf der Seite der Kohle, und dabei wäre er wirklich der einzige wirksame Bundesgenosse der festen Brennstoffe gewesen; zumal jetzt die Auseinandersetzungen mit dem großen Konkurrenten, dem Heizöl, noch härter und stärker geführt werden müssen als in den letzten Jahren.

Die neu erstandenen Raffineriekapazitäten drücken zusätzlich auf den Markt. Die Heizölpreise sind dabei in den Keller gerutscht, und es wird auch von der Ölseite gar nicht bestritten, daß der Wettbewerb der Heizöllieferanten untereinander durchaus schon ruinöse Züge trägt. Ganz unabhängig von der Frage, wer hier der „Schuldige“ ist – was zu ermitteln sich die Beteiligten im Wege des üblichen Schwarzen-Peter-Spiels zur Zeit bemühen –, ist diese Entwicklung für die Kohle in jedem Falle von Nachteil. Die Feststellung, daß weitgehend auch im Heizölgeschäft mit den berüchtigten roten Zahlen gearbeitet wird, ist für den Bergbau natürlich nur ein recht schwacher Trost.