Die Auseinandersetzungen über die Teilprivatisierung der Vereinigten Elektrizitäts- und Bergwerks-AG, Bonn/Berlin, kurz VEBA genannt, gehen weiter. Dabei drängt die Zeit, wenn die Volksaktie VEBA noch in diesem Sommer das Licht der Welt erblicken soll. Es müssen Prospekte gedruckt werden, die Banken haben sich vorzubereiten, und schließlich sind auch bei der Böiseneinführung gewisse Fristen innezuhalten. Außerdem sollten sich die Verantwortlichen in Bonn über folgendes klar sein: Die VEBA ist kein Volkswagenwerk; sie hat – da sie bis vor kurzer Zeit in Sparerkreisen kaum bekannt war – nicht die gleiche Anziehungskraft wie das Wolfsburger Unternehmen. Außerdem ist die Börsensituation anders als zum Zeitpunkt der VW-Privatisierung. Damals war die Börse einer der bundesdeutschen Lieblinge. Heute kann man an ihr täglich mehr oder weniger Verluste erleiden. Die publizistische Vorbereitung muß deshalb intensiver sein.

Die VEBA-Verwaltung hat jetzt etwas sehr Vernünftiges getan. Sie begann damit, ihre Tochtergesellschaften und Beteiligungen der Öffentlichkeit vorzustellen. Sie wissen sicherlich, meine verehrten Leser, daß die VEBA eine Holdinggesellschaft mit der Aufgabe ist, große Teile des Bundesbesitzes zu verwalten. Dazu gehört die Bergwerksgesellschaft Hibernia AG, Herne, die Preußische Elektrizitäts-AG, Hannover (oder Preussenelektra), und noch eine Beteiligung von 17 Prozent an der Preußag. Im Augenblick wird darüber verhandelt, ob dazu noch die Hugo Stinnes AG, Mülheim/Ruhr, treten soll. Da die VEBA selbst nicht produziert, liegt ihr Wert allein in ihren Tochtergesellschaften, die ihrerseits wieder Kinder besitzen. Eines der schönsten ist sicherlich die Nordwestdeutsche Kraftwerke AG, Hamburg, mit der Börsenabkürzung: NWK. Rund 69 Prozent ihres Aktienkapitals von 146,8 Millionen Mark liegen im Besitz der Preussenelektra, der Rest in privater Hand, und zwar breit gestreut.

Sehen wir einmal von dem Sonderfall Hugo Stinnes ab, dann ist die NWK bislang die einzige Gesellschaft des VEBA-Konzerns, die direkten Kontakt zur Börse hat und über Erfahrungen im Umgang mit freien Aktionären verfügt. Es lag deshalb nahe, bei der Vorstellung des VEBA-Konzerns mit der NWK den Anfang zu machen. Der Vorstand der NWK weiß aus eigener Erfahrung um die Vorteile einer guten Publizität und um den Rückhalt, den ihm zufriedene freie Aktionäre verschaffen können.

Wer die NWK näher kennt, wird sich zwangsläufig fragen, was vorteilhafter ist, der Erwerb einer VEBA- oder NWK-Aktie? Die Antwort ist nicht leicht zu geben. Allerdings würden die rund 45 Millionen „freien“ NWK-Aktien keinen Massenansturm aushalten. Schon von der Quantität her bleibt dieses Papier etwas. für Kenner, unter denen sich übrigens siebzehn ausländische Investmentfonds befinden. Das sind Kapitalanleger, die zu rechnen verstehen. Im Augenblick erweisen sich diese Fonds allerdings für den NWK-Kurs als eine Belastung, weil sich die Ausländer von deutschen Aktien abkehren. Deshalb gehört die NWK-Aktie zu jenen Papieren, die – wie die meisten namhaften deutschen Standardaktien – unter ausländischen Abgaben zu leiden haben. Das wiederum macht die Aktie für Inländer interessant, denn sie ist dadurch billig geworden wie seit Jahren nicht.

Handelbar sind fast ausschließlich die NWK-Vorzugsaktien. Sie haben zwar kein Stimmrecht, sind aber mit einer sogenannten Vorzugsdividende von 4 Prozent „ausgestattet“, das heißt, wenn der Jahresgewinn nicht für eine Dividende auf das gesamte Aktienkapital ausreicht, müssen die Vorzugsaktionäre vor den Stammaktionären mit 4 Prozent bedient werden. Die Vorzugsaktionäre haben in der Gesellschaft nicht mitzubestimmen, was sich für sie jedoch bislang nicht nachteilig ausgewirkt hat.

Hoffentlich werden die VEBA-Volksaktionäre, die ja bis zu einem gewissen Grade das Stimmrecht bekommen, ebenso glücklich, wie es die NWK-Vorzugsaktionäre ohne Stimmrecht sind. Die VEBA-Volksaktionäre werden mit dem Bund in einem Boot sitzen, der nicht umsonst darauf besteht, 51 Prozent des VEBA-Aktienkapitals in Händen zu behalten. Bei der Preußag gibt es praktisch keinen Bundeseinfluß mehr, am Volkswagenwerk ist der Bund nur zu 20 Prozent beteiligt. Niemand hat bisher klipp und klar gesagt, warum sich der Bund nicht bei der VEBA auf eine Minderheitenbeteiligung beschränken will. Sind die künftigen VEBA-Aktionäre unmündiger als die Preußag oder VW-Aktionäre? Oder will der Bund über die VEBA notfalls einen Einfluß auf die Energiepolitik ausüben können? Dann bringt er die VEBA-Verwaltung in einen ständigen Konflikt mit dem Aktiengesetz, denn ein Vorstand hat ja nicht nur auf die Interessen eines Aktionärs Rücksicht zu nehmen (auch wenn dieser glaubt, im Sinne der Allgemeinheit zu handeln), sondern muß das Wohl sämtlicher Aktionäre im Auge haben. Ich meine, das Bundesschatzministerium sollte einmal ohne Umschweife sagen, warum hier die Privatisierung auf dem halben Weg stehenbleiben muß.

Bei der NWK hat es bisher Interessenkollisionen nie gegeben, wobei anzumerken ist, daß der Großaktionär Preussenelektra, selbst auf dem Gebiet der Stromerzeugung tätig, an die NWK auch niemals mit „unsittlichen“ Anträgen herangetreten ist. Die NWK erzeugt Strom so kostengünstig wie möglich, und sie kalkuliert ihre Preise so niedrig, wie es unter Berücksichtigung der Notwendigkeit, sich ständig Kapital zu besorgen, möglich ist. Daß die NWK-Stromverbraucher bei dieser Politik nicht schlecht gefahren sind, zeigt die Tatsache, daß sie ihre Strompreise seit nahezu zehn Jahren nicht erhöhte. Ab 1. April wird sie diese sogar zurücknehmen können, weil bei ihr als bisher nicht im Besitz der öffentlichen Hand befindlichem Versorgungsunternehmen, die Umsatzsteuer gesenkt wird. Wie die Wiederverkäufer von NWK-Strom diese Preissenkung weitergeben, ist ihre Angelegenheit.