Von Theodor Eschenburg

Der Jammer über den Zerfall der Autorität ist allgemein. Lehrer, Offiziere und Politiker stimmen in diese Klage ein; die Wissenschaft hat das Absterben der alten Autoritäten als ein Symptom der modernen Gesellschaft diagnostiziert. Besonders dornig ist das Problem der politischen Autorität in der Parteiendemokratie. Wie entsteht hier überhaupt Autorität, wie kann sie im ständigen Wechselspiel der politischen Kräfte erhalten werden?

Nach einem Wort des Staatsrechtslehrers Kelsen wird „die soziale ebenso wie die religiöse wie überhaupt jede Autorität ursprünglich so erlebt wie die erste Autorität, die in das Leben des werdenden Menschen eintritt: als Vater, als Landesvater oder als Gottvater“. Nachdem die monarchische, feudale, patriarchalische Autorität, die sich durch Jahrhunderte behauptet hatte, durch die Französische Revolution erschüttert war, wurde diese Art von Autorität zu einem konservativen und damit in dem aufkommenden politischen Richtungsstreit zu einem polemischen Begriff. Für die Anhänger der alten Ordnung gab es im staatlichen Bereich nur die von Gott abgeleitete Autorität des legitimen Monarchen. Die Erzeugung von Autorität durch die ihr Unterworfenen erschien als ebenso absurd wie gemeingefährlich.

Dieser Streit zwischen geborener und künstlich geschaffener, also gewählter Obrigkeit, findet seinen Ausdruck in dem bekannten Wort des konservativen Staatsphilosophen Friedrich Ludwig Stahl aus dem Jahr 1850, das noch in verkürzter Prägnanz zitiert wird: „Autorität, nicht Majorität.“ Anders ausgedrückt, Majorität schafft keine Autorität. Die Liberalen und die Demokraten verwarfen damals das Wort „Autorität“ und die „alten Autoritäten“.

Aber mit dem Vordringen und der Ausbreitung der demokratischen Verfassungsvorstellungen – danach gilt nur diejenige Staatsordnung als legitim, in der die Staatsgewalt vom Volk ausgeht – nehmen auch deren Vertreter den Autoritätsbegriff, den sie zunächst verworfen hatten, für sich in Anspruch. Schon in der Französischen Revolution hatte der liberale Sieyes gesagt: „Autorität von oben ist Vertrauen von unten.“ Im gewaltenteiligen Rechtsstaat sollte an die Stelle der Herrschaft von Menschen die von Gesetzen treten. Ihnen kommt Autorität zu, ebenso den auf der Volkssouveränität beruhenden demokratischen Staaten, ihren Institutionen und Symbolen. Sie haben kraft ihrer Legitimität Macht durch Ansehen und beanspruchen freiwilligen Gehorsam. Gewiß kann sich der demokratische Staat mit Gewalt Gehorsam erzwingen, aber das Grundmotiv rechtsstaatlicher Demokratie ist ein neues Begriffspaar, nämlich das von Autorität und Freiheit.

Der demokratische Staat kann ebensowenig wie jeder anders konstruierte Staat der Befehlsgewalt entbehren, gleichgültig, ob allgemeine Regeln aufgestellt oder Einzelentscheidungen getroffen werden; nur mit dem Unterschied, daß die Herrschaftsinstitutionen durch freie Auseinandersetzung und freie Entscheidung in periodischer Wiederkehr besetzt werden sollen. Die Institutionen sollen „Ansehensmacht“ haben – dank ihrer Unterwerfung unter die frei geschaffene Verfassung, die sie eingesetzt hat. Die personale Besetzung erfolgt durch Mehrheitsentscheidungen auf den verschiedenen Stufen von Volks-, Fraktions- und Parlamentswahlen; um es drastisch und überspitzt in Umkehrung des Stahlschen Satzes auszudrücken: Majorität schafft Autorität durch den filtrierten Ausleseprozeß von der Kandidatenaufstellung durch die Parteien über die Parlaments- bis zu den Kanzlerwahlen.

Der Autorität der Institutionen soll die Qualität derjenigen entsprechen, die für sie bestellt sind. Institutionelle und persönliche Autorität, Amtswürde und menschliche Würdigkeit sollen einander gemäß sein. Nur so entsteht Überlegenheit, die zur Staatslenkung befähigt. Der Amtsinhaber soll die Amtsautorität persönlich erwerben, um sie zu besitzen. Die Autorität des Amtes ist gleichsam ein Vorschußkredit an den Amtsinhaber. Er muß ihn mit Zins und Zinseszinsen zurückzahlen, um mit seiner persönlichen Autorität die Amtsautorität wirksam zu machen.